Choda Hafez

Texte Iran 1 | Juli 2010

Der Perser an sich ist, wie in der ganzen Welt bekannt, ein außergewöhnlich gastfreundlicher Mensch. Seine Zuvorkommenheit macht sich vor allem im Straßenverkehr bemerkbar. Steht man beispielsweise als Erster an einer roten Ampel und wartet, wie im Westen üblich, so weit vorne, dass man den Signalwechsel gerade noch einsehen kann, so ist es Gewiss, dass der Perser einem zuvorkommt. Meist schiebt sich sein Wagen von rechts oder links oder beides in einem sehr spitzen Winkel vor die eigene Motorhaube und dann wartet er, bis das Grünzeichen mit der Hupe vertont wird. Gewöhnlich wird die Ampel aber sowieso nur als Orientierung verstanden, wobei Grün „Freie Fahrt“ bedeutet und Rot „Freie Fahrt“.
Auch stehen einem die Bewohner des Iran jederzeit zur Seite – beim Parken am Straßenrand auch gern in 2. oder 3. Reihe. Besonders beliebt „Schutz & Sicherheit auf Fernstrassen“. In der Regel läuft das so ab : Mit einem Fahrzeug wie unserem VW-Bus wird man bereits als kleiner Punkt am Horizont schon als fremd und bedürftig ausgemacht. Es wird erstmal aufgeholt, eine Zeit lang verfolgt und dann steht einem der Perser auch hier wieder zur Seite – falls kein LKW entgegenkommt auch ziemlich lang. Kommt ein LKW entgegen, schert der Helfer knapp vor einem ein und verliert durch andauernden Blick in den Rückspiegel langsam an Fahrt. Dieses Verhalten dient offensichtlich zum Schutz vor Polizei – und Radarkontrollen – wird aber, wenn man allmählich die 40 km/h unterschreitet lästig. Man entschließt sich zu überholen. Jedoch sobald man den Blinker gesetzt hat und sich auf der Überholspur befindet, verliert der Schutzbeauftragte durch andauernden Blick in den Seitenspiegel seine Spur und blockiert entweder die andere Fahrbahnseite oder drängt einen beim Überholen Richtung Strassengraben. Auch diese Eigenart ist keineswegs böswillig gemeint, sondern fördert nur die eigene Sicherheit. Nach solch einem Manöver besitzt man wieder genügend Adrenalin um die nächsten 100 Kilometer durch öde und staubige Wüstenlandschaft wach zu bleiben. So lange Zeit muss man jedoch selten bis zum nächsten Schub warten.
Die Gastfreundschaft geht auf Autobahnen noch viel weiter. Der iranische Autofahrer begnügt sich bei 3 Spuren für eine Richtung mit den beiden Mittellinien. Diese nimmt er bescheiden zwischen seine Reifen und lässt dadurch alle Fahrbahnen für Gäste frei. Nur beim Überholen benutzt er wahlweise die rechte oder linke Begrenzungslinie.
Ebenfalls auf Autobahnen kann man das uneingeschränkte Entgegenkommen der Perser kennen lernen – vornehmlich auf dem Standstreifen. Während man bei uns von Geisterfahrern sprechen würde, sieht man das im Iran eher als optimale Ausnutzung von verfügbarem Asphalt.
Ein großes Maß an Zurückhaltung zeigt der Perser bei Nacht. Das Auge wird nicht durch grelles Rot der Rücklichter beleidigt und orangenes Blinklicht wird weitgehend vermieden – wahrscheinlich um nicht den Eindruck von Aufdringlichkeit zu vermitteln. Motorradfahrer verzichten sogar völlig auf irgendeine Art von Beleuchtung und kleiden sich zudem gern in einem unauffälligen Schwarz. So bekommt man bei einer Nachtfahrt im Iran das Gefühl, dass es auf einer sehr belebten Strasse keinerlei Hindernisse gibt und man beruhigt Vollgas geben kann.
Es heißt, dass in Teheran speziell Fahrzeuge mit 4 Hupen und einem Blinker gefertigt werden, die individuell auf die persischen Bedürfnisse zugeschnitten sind.
Weitere Sonderanfertigungen sind :
Rundumverglasung für hemmungsloseres Gaffen
Seiten- und Rückspiegel mit Webcam, um auch Familienangehörigen die Abenteuer mit ausländischen Verkehrsteilnehmern zeigen zu können.
Lautsprecher auf dem Dach, werksseitig programmiert mit „Hello Mista !“ , „How Are You ?“ und „What’s Your Name ?“

Nun muss aber nach allem bisher Gesagtem ohne Ironie und Sarkasmus betont werden : Der Perser ist wirklich überaus gastfreundlich und gegenüber Reisenden jederzeit hilfsbereit und äußerst freigiebig. Fast täglich wurden wir mit frischem Obst oder Gemüse beschenkt und bei Schwierigkeiten egal welcher Art hat sich umgehend jemand gefunden, der sich Unserer angenommen hat. Warum sich der Iraner jedoch, sobald er die Blechtüre schließt, in eine motorisierte Hyäne verwandelt, kann nur mit dem islamischen Selbstverständnis zusammenhängen : Das Schicksal ist durch Allah vorherbestimmt und kann sowieso nicht geändert werden. So gesehen ist ein zuversichtliches „Choda Hafez“ wohl besser als eine Straßenverkehrsordnung.

Bericht von Udo Thiele


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