Texte Peru | Titicacasee, Peru, Dezember - Januar 2025
Am La-Raya-Pass verändert sich vieles. Fast unmerklich zuerst, dann immer deutlicher. Die massiven Bergzüge treten zurück, die Landschaft wird weiter. Wir treten aus der Butze, spüren, wie der Wind unsere Jacken aufbläht. Vor uns breitet sich ein hochgelegener, kalter und trockener Raum aus. Das Altiplano. Und mit ihm ein Gefühl, das sich langsam entfaltet – Respekt vielleicht, leise Spannung und die Vorfreude, diese rauen Landschaften zu durchqueren.
In den kommenden Monaten wollen wir diese Region der Länge nach erkunden. Das Altiplano ist bekannt für seine schlechten Pisten in atemberaubender Landschaft: Staub, Wellblech, Einsamkeit. Die Butze wirkt bereit für das, was kommt: robust, loyal und verlässlich. Aber wieviel kann man ihr wirklich zumuten? Und wir? Wie lange werden wir der Kälte, der dünnen Luft und der gleissenden Sonne standhalten?
Unser Blick fällt auf eine Hochebene, die sich über schätzungsweise 170.000 km² erstreckt. Uns ist klar, dass wir in Höhen zwischen 3.600 und 4.200 Metern unterwegs sein werden, weiter südlich sogar bis nahe 5.000 Meter. Unser Navi zeigt die geplante Route – Von Norden nach Süden rund 1.500 Kilometer. Eine Strecke, die im Süden sicher alles andere als leicht zu bewältigen sein wird.
Titicacasee
Mitte Dezember erreichen wir das nördliche Ende des Titicacasees. Für einen Moment überkommt uns ein fröhliches Angekommensein, eine kindliche Freude. Unfassbar … Wir sind da … Der See.
Die Sonne brennt auf der Haut, gleichzeitig bleibt die Luft wegen der Höhenlage kalt. Also ziehen wir uns warm an, tragen UV-Schutz auf und setzen uns in den Schatten der Butze. Vor unseren Füssen fällt das Gelände brüchig ins Tal ab. Vereinzelt kreischen Möwen, der Wind trägt Stimmen vom Dorf herüber. Vorsichtig spähen wir die Böschung hinab. Immer wieder huschen Viscachas über die Felsen, ihre Augen dunkel und wachsam. Blitzartig flüchten sie in verborgene Hohlräume, sobald wir zur Kamera greifen.
Aymara-Dörfer
Die Aymara, die indigene Bevölkerung dieser Region, haben sich seit Jahrtausenden an die extreme Höhe, die Kälte und die karge Natur angepasst. Und doch wirken sie keineswegs wie Schatten vergangener Zeiten. Ihre Dörfer wirken ruhig und gegenwärtig, ohne den Eindruck von Stillstand. Schlichte Häuser reihen sich aneinander, einst aus braunen Lehmziegeln gebaut, heute meist aus rotem Backstein, gestützt von Betonsäulen. Manche Ziegelrohbauten wirken unvollendet, als hätten die Bewohner immer noch Pläne für die Zukunft. Ein Stockwerk noch – vielleicht mehr – Eisen ragt aus dem Mauerwerk, Planen flattern im Wind.
Auf schmalen Feldern wird gearbeitet, oft von Hand, mühsam, Furche für Furche. Zur gleichen Zeit rumpeln Fahrzeuge über staubige Pisten, erleichtern Maschinen die Arbeit und digitale Geräte verknüpfen den Alltag mit einer Welt jenseits der Hochebene. Im Hof einer Familie setzen wir uns auf eine niedrige Lehmmauer, spüren die Sonne auf dem Rücken, der Stein ist warm. Der Geruch von getrocknetem Mist mischt sich mit dem von frisch gesägtem Eukalyptusholz. Im Haus klappern Töpfe, irgendwo klingelt ein Handy. Für uns wird deutlich, dass die Moderne nicht nur die Menschen beeinflusst, sondern Teil ihres Alltags und ihrer Kultur ist. Zwischen traditioneller Lebensweise und globaler Gegenwart entsteht ein Kontrast, der unaufgelöst bleibt.
Pachamama
Der Dorfvorsteher streckt uns die Hand entgegen, sein Blick prüfend, aber freundlich. Wir erwidern den Händedruck, spüren die raue Haut. Als wir mit ihm über die heute stattfindende Aktion der Dorfgemeinschaft zu sprechen kommen, sind wir begeistert. Es geht um die Säuberung der Umgebung. Endlich einmal eine Initiative, die aus echter Verbundenheit mit der Natur zu entstehen scheint, und zu Ehren von Pachamama, der Mutter Erde, die im Glauben der Aymara Leben schenkt und das Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt wahrt. Ökologisches Bewusstsein anzutreffen, noch dazu verwurzelt in uralten indigenen Werten, freut uns. Doch diese Zufriedenheit hält nicht lange. Sehr schnell wird klar: Der herumliegende Müll ist hier gar nicht das Thema. Weder Flaschen noch Tüten noch Dosen. Stattdessen geht es um etwas ganz anderes, um die jungen Eukalyptusbäume, die dem Dorf zu viel Wasser entziehen. Sie sollen weg. Alle.
Unsere romantische Vorstellung indigener Umweltverbundenheit gerät ins Wanken. Denn so sehr wir auch an Pachamama denken, offenbar ist sie hier nicht gemeint. Oder zumindest nicht so, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Während wir noch über Recycling nachdenken, schwingt das Dorf bereits die Macheten.
Wachsam bleiben – Regenzeit
Wir folgen dem westlichen Ufer des Titicacasees. Es ist eine ruhige und weitgehend ländlich geprägte Gegend. Die Piste ist nicht asphaltiert, jede Unebenheit spürbar durch die Sitzpolster. Schmal windet sich der alte Weg am Steilufer entlang. Entgegenkommende Fahrzeuge wirbeln braunen Staub auf. Rasch kurbeln wir die Scheiben hoch. Sie knirschen unwillig. Was wir vermeiden wollen passiert trotzdem: Das Lenkrad, feucht vom Schweiss, wird klebrig, auf dem Armaturenbrett bildet sich eine Staubschicht.
Die Strecke zieht sich. Es ist schon später Nachmittag. Fast unmerklich verdichten sich dunkle, graublaue Wolkenmassen. Sie verleihen der Landschaft eine gespannte Stimmung. Regenschleier ziehen wie fein geschwungene Vorhänge aus Schnüren über das ferne Ostufer, während an einer Stelle ein Bündel Sonnenstrahlen durch die Bewölkung gefunden hat und das Wasser zum Glitzern bringt. Dann Böen, spürbar am Schwanken der Butze. Nieselregen. Die lehmige Piste unter den Rädern wirkt sofort unbeständiger. In den vergangenen Tagen haben uns feuchte Luftmassen, die wir täglich vom Amazonasbecken im Osten aufsteigen sehen, vorsichtig werden lassen. Ein heftiger Regen könnte die lehmige Piste in eine riskante Rutschbahn verwandeln. Zu unsicher, meinen wir, im Zweifelsfall besser verzichten!
Also wählen wir den gut befahrbaren Uferstreifen auf der anderen Seite als Stellplatz, auf dem auch die Fischer ihrer Arbeit nachgehen und wo sie ihre Boote lagern.
Ein anderer Takt
Drüben auf dem Damm setzt plötzlich Bewegung ein. Eine kleine Gruppe hat sich formiert, zwei Tänzer in dunklen Anzügen, eine junge Frau in glitzernder Kleidung. Ihr knielanger, weit ausgestellter Rock hebt sich im Wind. Aus einem tragbaren Lautsprecher dringt Musik, dünn und fremd in der offenen Landschaft. Die Kamera läuft. Schritte werden nur angedeutet, ein Reflektorschirm ausgerichtet. Lachen blitzt auf, verstummt wieder. Konzentration. Der Wind ist kalt, das Wetter schwankt, doch hier oben scheint das keine Rolle zu spielen, als gäbe es nur diese Aufnahme, nur diesen Takt.
Unten am Ufer führt eine Schäferin ihre kleine Herde zurück ins Dorf. Ihr Rock schwingt schwer bei jedem Schritt, das grellbunt gestreifte Webtuch über den Schultern leuchtet im Sonnenlicht. Sie hebt kurz den Blick zum Damm, als müsse sie sich versichern, dass alles seinen gewohnten Lauf nimmt, dann weist sie den Tieren mit einer knappen Bewegung die Richtung und setzt ihren täglichen Weg fort.
Wir bleiben noch einen Moment stehen und erst in diesem Augenblick wird uns klar, dass uns die Szene auf dem Damm erleichtert hat, wie vertraut sie wirkt – Musik, Schritte, Lachen – und wie fremdartig, archaisch die stille Bewegung unten am Ufer ist. In diesem Augenblick ordnen wir Fremdartigkeit nicht ein, müssen sie nicht verstehen. Die übliche Auseinandersetzung mit Unbekanntem weicht einer stillen Leichtigkeit. Eine unerwartete Zufriedenheit breitet sich aus.
Schilflandschaft
Nach dem Jahreswechsel führt unser Weg vom festen Land in eine schwimmende, stark vom Tourismus geprägte Welt. Zu den Totora-Inseln der Uros.
Der Name „Uros“ bezeichnete ursprünglich das Volk. Die Schilfinseln tragen ihren Namen, weil sie von diesem Volk geschaffen und bewohnt wurden. Heute sind die meisten Bewohner sprachlich und kulturell Aymara. Die ursprüngliche Uru-Sprache ist praktisch ausgestorben. Dennoch wird die Uros-Tradition hier bewusst weiter inszeniert und vorgeführt.
Die Uros-Inseln im Titicacasee - Zwischen gelebtem Alltag und bewusst gesetzter Darstellung, zwischen Herkunft und Geschäftsmodell: "Wir nutzen das Bild, das ihr sehen wollt, um davon leben zu können."
Abseits der inszenierten Pfade zeigt sich die Inselwelt in einer ursprünglichen, rohen Schönheit: Wasser, Kälte, Wind, Sonne, und überall das Totora-Schilf, das wie seit jeher die engen Kanäle und offenen Wasserflächen umgibt. Vorsichtig lassen wir unser Kanu die Böschung hinuntergleiten, bereit, die stillen Kanäle zu erkunden, in denen der Besucherstrom nicht zu spüren ist.
Wir lehnen uns vor. Der Geruch von feuchtem Schilf, von Algen und moorigen Wasserpflanzen steigt in die Nase. Das Plätschern des Wassers unter dem Boot wird zum einzigen Geräusch. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen, und wir sind allein in diesem abgeschotteten, eigentümlichen Labyrinth.
Wir suchen Orientierung, lernen, die Zeichen der Umgebung zu erkennen. Leichte Farbveränderungen im Wasser und schmale Schneisen, die andere vor uns gezogen haben, werden zu unseren Wegweisern. Orientierung bedeutet hier nicht Richtung, sondern Durchkommen.
Ein Vogel schreckt auf, ohne sichtbar zu werden. Gelegentlich schneiden Motorboote kurz durchs Blickfeld, hinterlassen flüchtige Spuren, aufgewühlten Sand, geknickte Halme. Gespannt folgen wir kaum sichtbaren Durchgängen, meiden flache Bereiche, bewegen uns tastend, aber zunehmend sicher durch das Gewirr.
Bald zeigt sich ein tückisches Hindernis. Unter der spiegelnden Wasseroberfläche verbergen sich dichte Unterwasserwiesen, grün, zäh und unnachgiebig, als hätten sie sich zusammengetan, unser Vorankommen zu verhindern. Die Paddel greifen schwer ins Dickicht, verfangen sich, lösen sich nur mühsam wieder. Die Arme spüren die Anstrengung. Jeder Meter will erarbeitet sein.
Für uns wird es zum Symbol dieser Welt, Naturraum und Kulisse zugleich, ein Gewächs, das Tradition, Alltag und Tourismus durchzieht.