Texte Peru | Cusco, Peru, November 2025
Linie ins Altiplano
Offiziell heisst sie Ruta Nacional PE-3S, ein Abschnitt der ‘Grossen Anden-Nord-Süd-Achse’. Auf unserem Navi erscheint sie als feine Linie, die sich über das Hochland windet, bis hinüber zum Altiplano. Bevor wir dieser Linie folgen, wenden wir uns an die KI – unser unerschütterliches Orakel für Reiseempfehlungen, das stets eine Antwort bereithält und immer gute Laune hat. “Fantastische Frage”, verkündet sie auch diesmal und preist die Strecke als eine der fotogensten des Kontinents: “Die Route zwischen Cusco und Puno führt hoch durch die östlichen Bergketten der peruanischen Anden. Sie verläuft durch eine Landschaft, zugleich rau und eindrucksvoll, dorthin, wo die Luft dünn ist und die Bergwelt still daliegt. Landschaften wie aus einem doppelseitigen Bildband, mit einem Licht, das im November besonders grosszügig ist.”
Vielleicht glaubt sie wirklich daran. Sie behauptet, ihr Optimismus sei kein Gefühl, sondern bloss eine Funktion von Algorithmen und Trainingszielen. Programmiertes Wohlwollen. Seltsamerweise funktioniert es. In uns entfaltet es echte Vorfreude.
Werkstattstunden
Doch bevor wir überhaupt in dieses versprochene Licht aufbrechen können, stehen wir erst einmal im Dunkel einer Werkstatt – mit einer Liste von Mängeln an der Butze, zu lang, um sie bis Samstagmittag vollständig abzuarbeiten. Wir fügen uns der Notwendigkeit. In der Halle bekommen wir einen Stellplatz fürs Wochenende und stehen nun zwischen Werkzeugwagen und Arbeitsgrube – wir, die Butze – und draussen, unbeeindruckt, die Anden. Und natürlich die KI, die latent den Eindruck erweckt, sie würde gleich anbieten, auch noch das Öl zu wechseln.
Bevor der Werkstattmeister sich ins Wochenende zurückzieht, überreicht er uns den Schlüssel. Danach wird es ruhig in der Halle.
Schönheit und Brüche
Am Sonntagnachmittag füllt ein warmes, bernsteinfarbenes Licht die Gassen der historischen Altstadt von Cusco. Einheimische wie ausländische Touristen bestaunen koloniale Fassaden auf uralten, sorgfältig gesetzten Inka-Mauern.
An einigen Mauern hocken Männer und Frauen, die auf ihre eigene Weise dem Sonntag begegnen – mit schweren Blicken und Schnapsflaschen, die längst den Charme des Feierabends verloren haben. Manche rufen ein paar Worte herüber, andere versinken in sich selbst. Es ist ein Anblick, der die fröhliche Kulisse ins Wanken bringt, ein Riss im touristischen Postkartenbild. So wirkt die Stadt gleichzeitig einladend und bedrückend – ein Ort, an dem das alltägliche Ringen vieler Menschen offen sichtbar neben der sorglosen Freude der Besucher steht.
Vielleicht ist es genau das, was uns so irritiert: die absolute Gleichzeitigkeit von Leichtigkeit und Absturz, von Herumschlendern und Alltagslast.
Inmitten fremder Leichtigkeit
Dann, die Quinceañera. Ihr Kleid schwebt wie eine Wolke aus Seide und Glitzerzeug um sie, leicht und funkelnd bei jedem ihrer Schritte. Ihre Freundin richtet den Saum liebevoll zurecht, während die Fotografin mit sanften Gesten versucht, ein Lächeln hervorzulocken, das festlich und doch natürlich wirkt.
Schliesslich setzen wir unseren Weg fort, lassen die Geräusche und Bewegungen nach und nach hinter uns.
Das Lachen des Mechanikers
Nach einer weiteren Runde Schrauben und Hämmern wagen wir kurz vor Montagmittag die nächste Probefahrt. Edgar, einer der beiden Werkstattmeister, übernimmt das Steuer. Und diesmal läuft alles erstaunlich ruhig. Kein Knarzen, kein Ruckeln. Nur der zuschaltbare Vierradantrieb bleibt ein Rätsel. Nach jedem Druck auf den Kippschalter starren sechs Augen auf die Kontrolllampe. Mal geht sie aus, mal bleibt sie an. Wie zufällig. Edgars Gesichtsausdruck pendelt zwischen Nachdenklichkeit und Entschlossenheit – unser Ausdruck vermutlich eher zwischen Ratlosigkeit und Hoffnung. Deutlich ist der zugeschaltete Vierradantrieb zu hören – auch zu spüren. Erneute Wende, die steile Calle Umanchata wieder hinauf. Da! – Die Kontrollleuchte erlischt. Die ausgeprägt indigenen Züge des Werkstattmeisters lassen einen Anflug von Entspannung vermuten. “Am Berg”, murmelt er. Seine Hand liegt schwer auf dem Knauf der Gangschaltung. Was zuerst wie eine überraschende Idee klingt, bestätigt sich im Verlauf unzähliger Versuche. Wo gerade noch Spannung kaum auszuhalten war, erhellt sich die Stimmung – unvermittelt, fast schon befreiend. Wir bemerken: Bei leichter Bergauffahrt geht die Lampe aus, bergab reagiert sie nicht. Warum? Das wissen wir nicht. Und in diesem Moment ist klar: Wir müssen es auch nicht wissen. Edgars Lachen genügt uns. Es reicht uns, dass die Butze fährt und die Lampe bergauf ausgeht.
Am Montagmittag rollen wir tatsächlich aus der Werkstatt. Zurück bleibt ein gemeinsames Aufatmen: bei uns, bei der Butze – und bei Edgar und José-Luis, den beiden Werkstattmeistern, die mindestens genauso erleichtert wirken wie wir.