Wo der Atem dünn wird

Texte Peru | Rückkehr in die Anden, November 2025

Ende Oktober/Anfang November 2025: Nach unserem Sommerhalbjahr zuhause erwartet die Butze unsere Rückkehr ins peruanische Andenhochland in 3.600 Metern Höhe. Wir planen einen sanften Anstieg. Deshalb wollen wir den Höhenunterschied in zwei Schritten angehen. Von Lima auf Meereshöhe fliegen wir zuerst nach Arequipa auf 2.400 Metern, und gönnen uns dort ein paar Tage, um uns an die dünnere Luft zu gewöhnen. Erst dann setzen wir den Aufstieg mit einem Flug nach Cusco fort. Eine lange Anreise, ja – aber eine in der Hoffnung, dass uns der schrittweise Wechsel in die Höhe nicht den Atem rauben wird.
Doch zunächst Lima.

Feiertag im Ausnahmezustand
Lima’s Innenstadt empfängt uns mit Sonne, kolonialen Gebäuden und einem stetigen Klangteppich, der sich nicht ordnen lässt. Alles scheint in Bewegung. In einer Stadt mit über zehn Millionen Einwohnern gehört das Durcheinander zum Alltag.

Wir streifen zu Fuss durchs Stadtzentrum. Rolando und seine Freundin Allison, die beiden Gastgeber unserer Unterkunft, begleiten uns – ganz selbstverständlich, als wären wir alte Freunde. Sie zeigen uns Ecken, an denen sie selbst gern Zeit verbringen. Ihre Offenheit und Herzlichkeit machen aus einem fremden Ort plötzlich einen vertrauten – und aus einem zufälligen Treffen eine Begegnung die bleibt.

Unterwegs in Lima mit Rolando und Allison.

Der peruanische Präsident erklärte vor kurzem einen Ausnahmezustand und kündigte einen entschlossenen Kampf gegen die Kriminalität an. Polizisten patrouillieren. Vor dem Kongressgebäude steht eine Reihe Feuerlöscher bereit für einen möglichen Notfall. Aber trotz des Ausnahmezustands wirkt die Stadt sehr lebendig. Es ist der 1. November, Allerheiligen, und statt stiller Andacht herrscht ausgelassene Lebensfreude. Heute am Feiertag sogar mit einer Spur mehr Stolz, Farbe und Musik als sonst.

Wir treffen auf farbenfrohe Paraden - Tänzerinnen wirbeln und …
… Musiker füllen die Straßen mit Klängen und Rhythmen.
Im Centro Cultural Inca Garcilaso begeistern Piero Quijanos Bilder - Pastellfarben der 1950er-Jahre in klaren Linien, ein ruhiger Kontrast zum Strassenleben.

Ein Tag reicht nicht, aber er genügt, um die Stimmung im Ausnahmezustand Lima’s zu spüren und ein paar Eindrücke davon mitzunehmen.

Cappuccino und Crêpes
Arequipa – Rasselnd hat unsere Maschine auf dem Rollfeld in 2.560 Metern Höhe aufgesetzt. Wüste und Vulkane sind unser erster Eindruck. Die Umgebung ist geprägt von sand- und ockerfarbener Trockenheit. Über der Stadt ragt wuchtig der Vulkan Misti. Weitere, teils schneebedeckte Gipfel bestimmen den dunstblauen Horizont. Einige davon über 6.000 Meter hoch. In Arequipa wollen wir unseren Puls schonend an die mittlere Höhe gewöhnen, bevor wir Ende der Woche in die deutlich höhere Andenregion weiterreisen.

Wir frühstücken im Café Moretti. Der Geruch von frisch getoastetem Brot mischt sich mit dem Duft von Cappuccino. Wir geniessen das Gefühl, dass uns nichts fehlt. Die Welt erscheint geordnet, alles leicht zugänglich. Noch nutzen wir die Möglichkeiten, halten uns fest an den Tagen des Komforts und am Genuss, weil wir wissen, dass sie vergehen werden. Bald werden wir unterwegs sein, weit entfernt von dieser Heimeligkeit. Wir werden mit einfacherer Verpflegung und bescheideneren Umständen auskommen müssen.

Zwischen hellem Design und verspielten Akzenten entfaltet das Café Moretti eine Atmosphäre, die unseren Besuch in Arequipa besonders macht.
Frühstück im Café Moretti

Geburtstag in Arequipa

Die 91-Jährige Rosa-Felicita zeigt uns: Alter ist nur eine Zahl - Lebensfreude kennt keine Grenzen.
Zwei Köpfe kleiner, aber mindestens genauso gross im Strahlen - Rosa-Felicita mit einem ebenso leuchtenden Gast an ihrer Seite.

Goldene Stunde
Wir suchen eine Stelle mit freiem Blick auf den Vulkan Misti. Das Stadtviertel Carmen Alto, etwas ausserhalb von Arequipa, scheint geeignet, einen Aufnahmestandpunkt zu finden. Erhöht über dem Rio Chili, Abendlicht im Rücken. Ein Fussweg führt über Terassenfelder hinunter. An der Kante eines Feldes positionieren wir uns und warten auf die goldene Stunde, in der das Abendlicht weich, warm und stimmungsvoll sein soll, perfekt zum fotografieren. Aber der Himmel bleibt farblos, die Schatten werden grau, der Dunst hebt sich nur langsam. Es wird keine spektakuläre Aufnahme die in Erinnerung bleiben wird. Und doch – Ein bleibender Moment. Es ist still und friedlich. Zwei Frauen und ein Mann bringen ihre Ernte zum Fahrzeug oben an der Strasse, ein Stier steht reglos im Abendlicht, hebt den Kopf und lässt Wasser. Nichts Ungewöhnliches, aber alles fühlt sich echt an.

Vor uns landwirtschaftlich genutzte Flächen im Tal des Rio Chili, dahinter karge Wüstensteppe und der Vulkan Misti.
Mühsame Handarbeit - Ein Mann und zwei Frauen packen den Ertrag des Tages in Säcke und verladen ihn für den Markt.

Höhenflug mit Blitz und Donner
Unser Flug von Arequipa, in den Ausläufern der Anden, hinauf ins Hochland nach Cusco beginnt sonnig und ruhig. Bis zur Durchsage auf halber Strecke. „Wir erwarten Turbulenzen.“ Kurz darauf tauchen am Horizont gewaltige Wolkenberge auf. Die Stimme aus dem Lautsprecher klingt etwas nervös. Das Flugzeug beginnt zu rütteln, die Anschnallzeichen blinken auf, und das Bordpersonal zieht sich mit professioneller Gelassenheit auf seine Plätze zurück. Die Toiletten werden geschlossen. Unser Flieger steuert mitten in ein Gewitter hinein. Ein grelles Aufblitzen erhellt die Wolken. Stilles abwarten, eine unerwünschte Ahnung lässt sich nicht unterdrücken. Da, ein erneutes grelles Blitzen. Der Einschlag im nächsten Moment. Lautes Krachen. Vom Blitz getroffen! Aufhorchen. Die Maschine fliegt schwankend weiter. Dann die nächste Durchsage, gewohnt sachlich: „Wir beginnen mit dem Landeanflug auf Cusco. Planmässig.“ Und so landen wir, leicht erschrocken und mit der Erkenntnis, dass ein Blitz über den Wolken auf ungewohnte Weise erden kann.

Da die Flugzeuge hier meist in mittlerer Flughöhe unterwegs sind, fliegt man nahe an der Obergrenze der gewaltigen Wolkenberge oder sogar hindurch.

Unbehagen und Vorfreude
Am achten Tag unserer langen Anreise erreichen wir endlich unser Ziel: Cusco. Oben, im südlichen Andenhochland Perus.
Die Anden zeigen ihre spröde Seite – kühl, abweisend, fordernd. Kurz vor unserer Ankunft ist ein heftiger Hagelschauer niedergegangen. Die Strassen glänzen noch nass, Eisreste knirschen unter den Reifen. Die dünne Luft macht jeden Atemzug spürbar. Alles wirkt enger, grauer, kälter. In uns macht sich eine Mischung aus Erschöpfung, Unsicherheit und Erwartung breit. Das eigene Tempo verlangsamt sich. Jeder Atemzug erinnert daran, wie anders unser Alltag in den nächsten Monaten sein wird. Und doch – zwischen Kälte und Müdigkeit glimmt leise Vorfreude.

Ein Hagelschauer ist vor wenigen Minuten über Cusco niedergegangen.

Und unser fahrbares Wohngehäuse? Batterie anklemmen und erster Startversuch der Butze – Der Motor springt zu unserer eigenen Überraschung ohne zu Zögern an.

Mit Spannung erwarteter Moment - Wir sind da und finden unsere Butze in guter Verfassung vor.

Auch sonst sind wir schnell wieder “heimisch” geworden auf unseren sieben Quadratmetern.

Vertrautes Ritual - Cappuccino und Schoko-Croissant am Nachmittag.

An die dünne Luft müssen wir uns allerdings noch gewöhnen. Atmen in 3.600 Metern Höhe. Das heisst Schnaufen und nur noch etwa zwei Drittel des gewohnten Sauerstoffs einsaugen. Zum Ausgleich die Frequenz erhöhen. Ein – Aus – Ein – Aus. Die Lunge sucht nach mehr, findet doch nur Kälte und Trockenheit. Das reizt die Atemwege. Leichte Kopfschmerzen. Alles Tun verlangsamt sich – nur der Atem nicht.