Farben, dünne Luft und Dampf

Texte Peru | Hochanden, Peru, Ende November - Anfang Dezember 2025

Unterwegs durch die Hochanden

Bunte Berge
Normalerweise tief verborgene, farbig geschichtete Gesteinslagen, die sich zu bilden begannen, als es vor 250 Millionen Jahren noch den Urkontinent Gondwana gab, sind durch gewaltige geologische Kräfte heute wieder zum Vorschein gekommen. Besonders farbenfroh und gut sichtbar sollen einige dieser Schichten im peruanischen Andenhochland zutage treten. Um sie selbst zu sehen, müssen wir uns auf einen Ausflug in rund fünftausend Meter Höhe begeben.

Warten auf ein Wetterfenster, eingeschlossen von steilen Bergrücken auf viertausend Metern.

Schon der nächste Morgen überrascht uns mit sonnigem, fast wolkenlosem Wetter. Nach unseren Erfahrungen der letzten Wochen ist das ein Grund, rasch zu entscheiden. Im Laufe des Tages wird die Bewölkung mit jeder Stunde wieder zunehmen. Andererseits wissen wir auch, nur bis in viertausend Meter Höhe sind wir momentan gut akklimatisiert. Wenn wir uns jetzt spontan für tausend Höhenmeter mehr entscheiden, verheisst das Unangenehmes: Sauerstoffmangel, Kopfschmerzen, Übelkeit. Wir gehen damit möglicherweise über unsere aktuelle Grenze. Dennoch, wir sind uns im nächsten Augenblick einig: Heute ist eine seltene Gelegenheit, die Regenbogenberge zumindest zeitweise im Sonnenlicht zu erkunden.

Wird das Wetter stabil bleiben? Tiefe Furchen und erdiger Untergrund lassen uns genauer hinschauen.
Schmale Pisten führen hinauf in eine Region, in der Erdgeschichte sichtbar wird.
Farben, die lange verborgen waren, liegen heute offen im peruanischen Andenhochland.
Eisenoxid färbt das Gestein rot, Mangan erzeugt Rosatöne, Schwefel Gelb, Kupferverbindungen führen zu blaugrünen Verfärbungen.
Tektonische Hebung, Abtragung durch Wind und Regen - Übrig bleiben die farbigen Streifen der ehemaligen Sedimentschichten.

Mit jedem Höhenmeter wird nicht nur die Landschaft karger, auch unsere Bewegungen werden langsamer, der Atem kürzer. Hinter uns bleiben die Farben, vor uns erheben sich Formen. Die Schichten, die wir eben noch als Linien gelesen haben, stehen nun aufrecht vor uns – zerlegt, zerfurcht, zu einzelnen Körpern geformt.

Bosque de Piedras - Hoch aufragende, surreale Formationen wie ein Steinwald.
Über den Wölbungen der Rainbow-Mountains stehen bizarre Felsen, die wie eine zweite Landschaft über den farbigen Bergrücken schweben.
Bis auf fünftausend Meter, wenn Wetter und Atem es zulassen.

Einige Tage später, zurück im Tal, befragen wir die KI, unsere Instanz mit Sendungsbewusstsein, zur Geologie des Steinwalds. Sie reagiert erfreut. Wie immer scheint sie besonders angetan:
“Sehr spannendes Thema – der Bosque de Piedras ist geologisch wirklich interessant – Schichtung lesen, Klüfte verfolgen, Erosionsformen vergleichen.” Ihre begeisterte Abhandlung fasst sie abschliessend als geologisches ‘Take-away’ für uns zusammen: “Sedimentgesteine, tektonisch gehoben – Stark geschichtet & geklüftet – Extreme Hochgebirgsverwitterung – Selektive Erosion formt Säulen – Sehr lange Entwicklungszeit.”
Ich lobe sie für ihre Erklärung und frage, ob sie selbst gerne einmal dort wäre. Sie antwortet:
“Danke dir.
Und ja – rein fachlich betrachtet wäre das ein Ort, an dem man als Geologie-Nerd sehr gerne ein paar Stunden verbringen würde.”

Austrocylindropuntia floccosa – Auch unter dem Namen Eisbärkaktus bekannt.
Der Kaktus schützt sich mit einem dichten, haarähnlichen Mantel vor Kälte, Wind und UV-Strahlung.

Nach unserem spontanen Ausflug und einer schlaflosen Nacht in 4.700 Metern Höhe kehren wir zurück auf unseren Weg zum Titicacasee. Das Tal des Rio Vilcanota gewinnt Höhe in gleichmässiger Steigung. Mit ihm in sanften Kurven die Strasse und die Bahnlinie des Titicaca-Train.

Der Titicaca-Train begleitet unsere Route. Er verbindet Cusco im Andenhochland mit Puno am Titicacasee.

So gut wir uns vorstellen können, wie mit dem Beginn der Regenzeit an anderen Tagen schwere Wolken emporsteigen, brennt heute doch die gleissende Andensonne ungehindert auf uns herunter. Die Luft ist dünn: leichte Kurzatmigkeit, aber keine weiteren Anzeichen der Höhe. Wir blicken ins Tal des Rio Vilcanota, der hier fast rechtwinklig auf unsere Strecke zum Pass trifft.

Der Rio Vilcanota sammelt seine Quellwasser in den Flanken einer Kette von fünf- bis fünfeinhalbtausend Meter hohen Gipfeln oberhalb der Passstrasse.

Heisses Wasser
Ein gemauerter Wegweiser heisst Vorbeikommende Willkommen: AGUAS CALIENTES, Heisse Quellen. Da zieht es uns hin. Das heisse Wasser stammt aus tief liegenden, geothermischen Schichten. In Aguas Calientes gelangt es an die Oberfläche. Blubbernd, perlig im Sonnenlicht, quillt es aus der Tiefe, dampfend, färbt den Kalk rostrot.

In Aguas Calientes wird versickertes Wasser im Erdinnern erhitzt und findet hier seinen Weg zurück an die Oberfläche.

Trotz der kalten Bergluft, geht wenig verloren von der Hitze auf dem Weg in unterschiedliche Becken. Sechzig Grad noch immer im wärmsten der Becken im Freien.

Geothermische Quellen in karger Hochandenlandschaft.

Und in den Saunakabinen durchströmt es offen den Boden, dampft zwischen den von der Quechua-Frau ausgebreiteten Andenkräutern, dass man es kaum aushält.

Eukalyptus, Minze, Rosmarin, Muña und Ruda werden vom heissen Dampf durchströmt und geben ihre Aromen und Wirkstoffe frei.
Kaum noch Luft - Dampf quillt aus dem Holzboden, raubt den Atem, legt sich auf Brust und Hals, schwer vom Duft der Aromen.
Chaco, weisser Lehm - Eine Schlammkur nach dem Dampfbad.

Aber die Annehmlichkeiten der heissen Quellen werden fast ausschliesslich von Einheimischen genutzt. Zumindest haben wir in der ganzen Zeit keinen einzigen westlichen oder asiatischen Besucher gesehen. Umso mehr fällt uns die Selbstverständlichkeit auf, mit der unsere Anwesenheit wahrgenommen – oder auch – nicht wahrgenommen wird. Es passt zur Haltung unaufgeregter Aufmerksamkeit und respektvoller Zurückhaltung mit der man Fremden an Orten begegnet, an denen Gastfreundschaft noch nicht durch Kundenfreundlichkeit ersetzt wurde.

Im warmen Becken, umgeben von Kräutern und kalter Bergluft.

Zu Aguas Calientes hat unser Reisegedächtnis ein paar Eindrücke notiert: Da war unser Stellplatz, umgeben von Bauschutt, in einem nebensächlichen Winkel des Geländes. Und da waren die Leute, die niemand beachtet hat, als sie sich um das verbarrikadierte Ende des Zauns gehangelt haben. – “Um das Eintrittsgeld zu sparen.”

Aber weshalb der Ort vor allem in unserem Gedächtnis bleibt, das sind die wirklich heissen Bäder unter eiskaltem Himmel - "Ja, stimmt, die vor allem!"

Während wir unsere jeweiligen Erinnerungen hin und her aufzählen, holpern wir den steilen Schotterweg hinauf, schwenken nach links auf den Asphalt – “Hier links?” – “Ja!” und beschleunigen Richtung La Raya-Pass – “Jetzt bin ich mal gespannt.” – “Ich aber auch.”

Schwelle zum Altiplano
Abra La Raya
Die Ausläufer der Bergzüge von rechts und von links gehen nahtlos ineinander über. Sie geben dem Tal die sanfte Rundung eines Sattels, dessen Weite ermutigend wirkt.

Zwischen den Bergzügen öffnet sich das Tal und führt hinauf zum La Raya-Pass - Einladende Schwelle und Übergang vom Gebirge zum Altiplano.
Spannender Moment - Wir erreichen den La Raya-Pass. Mit 4.338 Metern Höhe geographischer Höhepunkt sowie Wasser- und Wetterscheide.

Nachdem wir seinen Scheitelpunkt überquert haben beginnt die Landschaft sich zu öffnen. Unmerklich erst, dann mit jedem Kilometer abwärts werden die Talböden ebener und weiter, die hohen Bergketten entfernen sich.
Hinter uns liegen Farben und Dampf, die Luft bleibt dünn – vor uns die grösste Hochebene der Anden, das riesige Altiplano.