Texte Peru | Cuatro Lagunas, Peru, November 2025
Wir verlassen Cusco. Nach der Enge der Stadt wirkt die Gegend hell und luftig. Wo eben noch Bauwerke und Mauern dicht gedrängt standen, beginnt sich das Tal zu weiten. Der Raum öffnet sich und die Landschaft atmet ruhig – ein stilles Aufatmen, das sich spürbar auf uns überträgt.
Ab hier werden wir den Río Vilcanota flussaufwärts begleiten, bis zu seinem Quellgebiet am La Raya-Pass. Für uns wird es eine Fahrt, die uns tief in das Kernland der zentralen Anden führt. Eine Fahrt bis zur Wasserscheide zwischen dem gewaltigen Einzugsgebiet des Amazonas und dem abflusslosen Gebiet des Titicacasees.
Hier oben sind Vergangenheit und Gegenwart nahe beieinander. Selbst die mächtigen Einflüsse des 21. Jahrhunderts bewirken bei Menschen, die seit Jahrtausenden zwischen Göttern, Geistern und den Rhythmen von Aussaat und Ernte leben, eher verhaltene Anpassungen. Noch ahnen wir nicht, welche Begegnungen und Geschichten uns in den Hochlanddörfern erwarten.
Andenkultur, die weiterlebt
Die Region ist seit jeher das Land der indigenen Quechua. Ihre Kultur reicht weit zurück, lange vor die kurze Epoche des Inkareiches, das sie ebenso überstand wie die folgenden Jahrhunderte der Kolonialherren und neuere politische Umbrüche.
Wir fahren durch Dörfer, die wie einsame Inseln im Hochland liegen, sehen eine Welt aus braunen Lehmziegeln und Wellblech in Rot, Silber und Rost, umgeben vom satten Grün der Felder und Weiden. Als wir näher kommen, merken wir schnell: Was auf den ersten Blick verlassen wirkt, ist in Wirklichkeit gelebter Alltag.
Und wir fragen uns, wie viel Kraft in einer Kultur steckt, die so vieles überstanden hat. Die Dörfer sind nicht nur Punkte auf einer Landkarte, sondern Gemeinschaften, die Tradition bewahren und zugleich ihren Weg in die Gegenwart suchen. In dieser fortwährenden Veränderung – zwischen bewährtem Wissen und neuen Möglichkeiten – liegt wohl die Stärke der Quechua.
Was wir beobachten, sind Szenen des Alltags – unscheinbar und doch voller Fragen. Dort, wo unser Blick begleitet, erzählen uns Körperhaltung und Gestik oft mehr als Worte. Und manchmal verdichtet sich all das in einem einzigen Moment, auf einem staubigen Weg, am Ende eines Arbeitstages.
Auf dem Heimweg
Die Frau schultert die Schaufel wie ein Versprechen. Arbeit, die müde macht, aber trägt, auch morgen. Das Kind zieht die Sackkarre, noch zu gross für seine Hände, und lernt früh, was Verantwortung heisst. Wenn der Tag sich neigt und der Staub des Weges an den Sandalen klebt, bleibt manchmal Raum für Gedanken an das Kommende.
Viele Wünsche hier sind keine lauten. Sie verlangen nicht nach Reichtum oder grossen Reisen, sondern nach Beständigkeit. Nach einem Morgen, an dem die Arbeit reicht. Nach einem Dach, das dem Regen standhält. Nach Zeit für die Familie, wenn die Sonne untergeht. Bildung für die Kinder als Möglichkeit, selbst zu wählen. Gesundheit, weil Hilfe nicht selbstverständlich ist. Manche hoffen auf ein kleines Stück Land, andere auf einen festen Lohn, wieder andere darauf, dass die Kinder einmal leichter tragen müssen als sie selbst. Träume wachsen hier aus dem Alltag, nicht über ihn hinaus. Sie sind so massvoll wie ihre bescheidenen Hoffnungen.
Brot, Zahn und Jonathan
Beim Frühstück knackt es – eine kleine Ecke von Nicole’s Zahn ist abgebrochen. Ein winziger Moment – und schon stellt sich die Frage: Was tun hier in dieser abgelegenen Ecke der Anden? Im Ort erfahren wir von einer Verkäuferin, dass es in Pomacanchi einen Zahnarzt gibt. Er hilft mangels Patienten bei der Post aus, sagt eine andere. Trotz Bedenken ruft Nicole an. Wir können kommen, sagt er, ab 15 Uhr sei er in der Praxis.
Am Nachmittag fahren wir hin. Schmale Strassen durchziehen die Ortschaft Pomacanchi. Gerade breit genug, um an parkenden Autos noch vorbeizukommen. Wir halten am Strassenrand vor dem Haus mit der Tafel “Zahnarzt”. Jemand ist vor dem Nachbarhaus beschäftigt. Wir können da parken, kein Problem, sagt er lachend, der Zahnarzt sei schon da. So schliessen wir die Butze und wenden uns dem gläsernen Eingang unter der Tafel zu.
Drinnen überrascht uns ein hochmoderner Behandlungsstuhl auf rohem Betonboden. Jonathan, der Zahnarzt fotografiert den Zahn, erklärt ruhig das Vorgehen, und Nicole nickt.
Neri und Raúl
Als wir die Praxis verlassen, ist der Mann vor dem Nachbarhaus noch immer beschäftigt. Wir kommen ins Gespräch. Er versucht den Alltag und den Sinn unseres Reisens mit einem Reisemobil zu ergründen.
“Ob ich selbst gerne reisen würde?”, antwortet er auf unsere Gegenfrage, “ich stelle es mir spannend vor, all die Orte, Geräusche, Gerüche und Stimmungen zu erleben, aber nein, im Moment geht das nicht.” Seine Frau hat unsere spontane Gesprächsrunde inzwischen bemerkt. Sie schliesst sich an. Wir laden zu Cappuccino und Schokokeksen in die Butze ein.
Wir reden über Inspiration und vom Anfreunden, diskutieren über echte Erlebnisse, machen uns Gedanken über das Haben und das Sein. So unterschiedlich unsere Lebensweisen auch sein mögen, beschäftigen uns doch dieselben Fragen.
Neri lädt uns anschliessend noch ins Haus ein. Sie serviert Mote, Papitas andinas und Queso de vaca, also Mais, andine Kartoffeln und Kuhkäse.
Nachdem wir uns von Neri und Raúl verabschiedet haben kehren wir zurück an unseren einsamen Stellplatz am See.
Blicke aus der Butze
Im ockergrünen Faltenwurf der Berge, fern der abgelegenen Hochlanddörfer, finden wir eine Stille, die sich fast schon dumpf anfühlt. Dann doch: der Wind, der sich in den Türen unserer Butze verfängt, das Rascheln der Blätter, der würzige Duft von Eukalyptus.
Nimmt sich ein Schäfer oder eine Schäferin im Vorbeigehen einen Moment Zeit kommen wir ins Gespräch.
Dagegen wirken unsere Bedenken eher unbedeutend. Wo die bevorstehende Regenzeit die Lebensgrundlagen der Hochlandbewohner bestimmt, ist sie für uns lediglich Teil der Reiseplanung, wo sie auf Regen hoffen, wollen wir ihn vermeiden. Bald lassen wir also die stillen Lagunen hinter uns und nutzen die verbleibenden trockenen Tage.