Texte Bolivien | Gran Pampa Pelada, Februar 2026
Wieder diese Wellblechpiste. Sie strapaziert das Fahrwerk und zwingt uns langsamer zu fahren, als es eine offene Ebene eigentlich nahelegt. Motor und Fahrwerk stöhnen. Die Reifen springen auf jedem Buckel. Dieses Sand- und Felsland ist unwegsamer als das Grasland durch das wir gekommen sind. Die Piste steigt und fällt, aber mit jedem Anstieg kommen wir höher. Unterdessen versuchen wir jene besten Spuren auszumachen, die auch andere Fahrzeuge nutzen oder erst gebahnt haben. Die Sonne brennt auf uns herab und lässt Motorhaube und Windschutzscheibe glühen. Die Butze, unser fahrbares Wohngehäuse in der Hochwüste, gibt uns dieses merkwürdige Gefühl, in diesen unwirtlichen Gefilden geduldet zu sein.
Sachtes Schreiten
Umso überraschender ist ein flacher Spiegel aus Wasser in einer von Ichu-Grasbüscheln durchsetzten Weite, keine Lagune, eher ein mäandrierender Wasserlauf. Und darin Bewegung – Flamingos. Sie schreiten langsam durch das seichte Wasser, die Köpfe gesenkt, die Schnäbel arbeiten unermüdlich im Schlamm.
Schnell zeigt sich uns ein besonderer Stellplatz. Nach dem Abflauen des Abendwinds verfolgen wir fast magnetisch angezogen die Bewegungen auf der nahen Wasserfläche. Scheue Bewegungen. Eine Annäherung erlauben sie kaum.
Am nächsten Morgen steigen wir leise aus der Butze, die Kamera bereit. Wir wollen die Flamingos fotografieren, nicht als ferne Punkte mit dem Teleobjektiv, sondern nah genug, um die feinen Übergänge im Gefieder zu erkennen, das blasse Rosa und das dunklere Karmin an den Flügeln, die schwarze Schnabelspitze, die dünnen Beine im flachen Wasser. Wir bleiben stehen, warten, gehen wieder einen Schritt. Versuchen, Teil des Ufers zu werden. Eine Annäherung Meter für Meter.
Die Flamingos bemerken uns schnell. Nicht mit Panik. Sie reagieren anders – fast gelassen. Einer hebt den Kopf, mustert uns, senkt ihn wieder. Während sie weiter nach Nahrung suchen, beginnt sich ihre ganze Gruppe langsam zu verschieben. Ein paar Schritte zur Seite. Ein paar Schritte vorwärts. Immer genau so weit, dass der Abstand bestehen bleibt. Unser Vorrücken löst ihr Zurückweichen aus. Wir bleiben stehen, sie bleiben stehen, wir schleichen weiter, sie schreiten weiter. Die Flamingos wirken dabei vollkommen gelassen, beinahe höflich. Kein Vorwurf liegt darin, keine Hast. Nur eine klare Botschaft: Bis hierher – und nicht weiter. Und irgendwann merken wir: Dieses Spiel werden wir nicht gewinnen. Sie tun es mit einer Geduld, die unsere eigene übertrifft.
Als wir schliesslich zur Butze zurückgehen, haben wir viele Bilder, aber keines, das dieses stille, klare Flamingobild ist, das wir uns vorgestellt hatten. Zu weit weg. Zu viel Wasser, zu viel Himmel – zu wenig Flamingo.
Am nächsten Morgen gelingt es ohne Anschleichen. Die Flamingos sind näher als gestern. Viel näher. Vielleicht, weil unsere Butze inzwischen Teil der Landschaft geworden ist – ein grüner Kasten auf Rädern, der seit Tagen hier steht und nichts tut. Die Schiebetür öffnen wir nur einen Spalt. Einer der Flamingos schreitet wenige Meter vor der Butze am Ufer entlang. Fast mechanisch folgt der Griff nach der Kamera. Schon erscheint der Schreitende vor dem Spalt. Jetzt. Das Licht, die Spiegelung, die Bewegung des Vogels. Rasch auslösen.
Lamawolle und Kunstfaser
Eine rätselhafte Ansammlung einfacher Lehmziegelhäuser zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Sie tragen die Zeit sichtbar in sich. Zusammengedrängte Überbleibsel, die beinahe aus ihr herausgewachsen scheinen. Beim genaueren Hinsehen wird klar: Hier lebt niemand mehr.
Backstein und Wellblech haben Lehm und Stroh wohl längst ersetzt. Wit folgen dem Wasserlauf abwärts.
Ein Lamahirte erwartet die Herde. Er trägt keine schwere Wolljacke, sondern eine leichte Kunstfaserjacke, die im Wind flattert. Wir kommen ins Gespräch. Sie trocknet schneller, sagt er. Und lässt sich leichter waschen. Wir deuten auf die alten Gebäude. “Die Lehmhäuser oben? Stehen längst leer. Nur als Lager werden sie noch genutzt.” Während wir sprechen, wandert sein Blick immer wieder zur kleinen Herde hinüber. “Ich muss die Tiere im Auge behalten, manchmal büchsen sie aus.” Früher, erzählt er, waren die Herden grösser. Das Klima hat sich verändert, das Gras wächst spärlicher. Die meisten Tiere sind heute nur noch für unsere eigene Ernährung bestimmt. Und die Wolle bringt längst nicht mehr, was sie einmal wert war. Wir folgen seinem Blick. Die Augen auf die kleinen Bewegungen der Herde gerichtet, auf die Lamas, wie sie gemächlich durch das flache Wasser und die trockene Ebene ziehen. Das zögernde Wenden, jederzeit bereit, sich im nächsten Moment zu zerstreuen. Kurz hebt er den Arm, um ein Tier zurückzurufen. Es hält inne, als ob es seine Geste erwartet hätte. Seine Arbeit nennt er schlicht: ruhig, friedlich, immer draussen. Und während die Lamas langsam über das büschelige Ichu weiterziehen, merken wir, wie sich manches hier längst verändert hat.
Wind als Bildhauer
Als wir den Wasserlauf hinter uns lassen, verändert sich die Landschaft erneut. Der Süden des Altiplano wird noch trockener, noch einsamer, noch bizarrer. Unsere Piste arbeitet sich durch erodierte, zu Sand zerfallende Vulkanlandschaft. Rauer, beigefarbener Kies, der unter den Reifen knirscht. Hier oben, im Süden des Altiplano, liegt eine der spektakulärsten Vulkanregionen der Erde. Vor Millionen Jahren muss diese Landschaft explodiert sein. Glühend heisse Asche und Gas strömten über das Hochplateau, legten sich über alles, was war. Was heute unter unseren Sohlen zerfällt, ist das, was davon blieb: Ignimbrit – verschmolzene Vulkanasche, zu Stein geworden. Ganze Landschaften sind daraus entstanden. Wir bewegen uns durch eine alte Vulkanlandschaft. Extreme Temperaturwechsel haben sie weiter modelliert.
Wir steigen über scharfkantige Blöcke. Die Ignimbrite glühen im Licht der Nachmittagssonne, die Hitze steigt vom Boden auf. Wir bewegen uns vorsichtig, aber fasziniert durch diese Jahrmillionen alte Vulkanwelt.
Auf dem Altiplano wird Farbe zum Element. Jeder Stein, jede Kante, jeder Riss zeichnet sich scharf ab, als käme das Licht aus dem Inneren der Landschaft. Es liegt nicht über ihr, es scheint durch sie hindurch. Das Blau des Himmels ist tief, das Ockerhell der Erde leuchtet, und das rötliche Braun der Ignimbrittürme trägt noch die Glut seiner Entstehung in sich. Farben, nicht gemalt, sondern gebrannt.
Tiere einer kargen Hochebene
Einige Frostnächte später. Die Hochebene erwacht unter einem klaren, eisigen Himmel. Ein kleiner Erfolg nach den kalten Nächten: der Motor der Butze startet problemlos. Erleichtert rollen wir vom Stellplatz, allein in der weiten, menschenleeren Landschaft. Staub wirbelt hinter uns auf, das vertraute Brummen des Motors gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Wie meistens in diesen Augenblicken spüren wir wieder dieses erhebende Gefühl des Aufbruchs, die Mischung aus Spannung, Neugier und Erwartung. Unsere Aufmerksamkeit wandert, von Sand und Steinen auf der Piste zur Verzweigung der Spuren, zum Flimmern der Hitze über der Ebene, zur scheuen Bewegung von Tieren in der Ferne. Eine Begegnung mit Guanacos ist ein besonderer Moment. Auf den kargen Hängen des Vulkan Ollagüe am Westrand des Altiplano entdecken wir sie endlich. Wir bleiben stehen, beobachten. Wachsam aber unaufgeregt ziehen sie durch trockenes Gras und zwischen winzigen Polsterpflanzen, die wie Inseln in der Steinwüste stehen. Ob Vikunja, Guanaco, Lama oder Alpaka, die Kameliden Südamerikas beeindrucken uns in einer Landschaft, die für viele andere Arten lebensfeindlich ist. Ihr Blut transportiert den Sauerstoff effizienter. Ihr dichtes, zugleich leichtes Fell schützt vor Sonne und Kälte. Und ihre sanfte Art zu gehen verletzt den Boden kaum. All das ist Ausdruck einer bemerkenswerten Anpassung an extreme Bedingungen. Leben ist möglich – selbst dort, wo vieles dagegen zu sprechen scheint. In den kalten Nächten des Altiplano drängen sich die Tiere aneinander. Ihre Körper schaffen eine Wärme, die keiner allein erzeugen könnte. Sie bilden eine Gemeinschaft wenn die Welt kalt ist.
Abschied vom Altiplano
Nach Monaten auf rund 4.000 Metern spüren wir, wie sich der Körper an die dünne Luft gewöhnt hat: die Atemzüge sind gleichmässiger, die Beine tragen leichter, das Herz schlägt ruhiger. Nur die Butze kennt keine Gewöhnung. Sie kämpft weiter in der dünnen Luft. Der Motor reagiert mit schwarzem Qualm und Leistungsverlust – ihr altiplanischer Kampf gegen die Höhe!
Bald werden wir das Altiplano verlassen. Die Ebenen zwischen Wasser und Salz, die Backsteinstrukturen der Ortschaften, die Wüsten, die Lagunen und schneebedeckten Vulkane, das grelle Sonnenlicht und die frostigen Nächte. Langsam wird die Akklimatisation in uns abklingen, und mit ihr die stille Einsamkeit dieser Hochebene, zugleich erfüllt von Begegnungen, Eindrücken und Stimmungen, die noch lange in uns nachklingen, während die Strassen nun wieder hinabführen.