Texte Bolivien | Salar de Uyuni, Februar 2026
Verlässt man El Alto, die Stadt über der schroffen Bruchkante des Altiplano, auf der Nationalstrasse 1 in die südlichen Ebenen erlebt man eine allmähliche Vereinfachung. Das aufgeregte Pulsieren der Städte weicht zunehmend einer mineralischen Stille. Die Landschaft wirkt unspektakulär. Die Strasse wird gerader. Immergleiche Ichu-Grasbüschel, Lamas und trockene Bachbetten fallen ins Auge. Der Wind wird dominanter, wie die Farben der Erdkruste: Rostrot, Ocker, Beige, Grau und darüber das Weiss von Salz. Es fühlt sich an, als würde man sich aus der belebten Welt in eine geologische Urzeit bewegen. Salz und heller Sand reflektieren gleissendes Licht. Es brennt auf der Netzhaut. Wahrnehmungen haften nicht mehr. Unser Blick beginnt zu gleiten. Er tastet die flimmernde Ebene ab, kehrt zu den Anzeigen hinter dem Lenkrad zurück, wandert über die Hände, die Armaturen. Das Ohr horcht in die bekannten Geräusche hinein. Das Quietschen des Fahrersitzes, dass sich nicht beseitigen lässt. Das Geschirr im Schub. Das kaum wahrnehmbare Rasseln des Motors. War es vor dem letzten Tanken schon da? Der Wind draussen. Das Summen der Reifen.
Nur ein kleiner Kratersee
Wenn es gut läuft können wir heute abend eine auf der Karte als Krater markierte Stelle erreichen. Da wären wir geografisch und mental schon weit draussen, bevor die grossen Salzebenen kommen. Ein unspektakulärer Zwischenstopp wäre gut, um innerlich umzuschalten, von der urbanen Unruhe in die Weite des Altiplano.
Salzwüste im Hochland
Am Horizont ist der schneebedeckte Vulkan Tunupa zu sehen. Hinter ihm erwartet uns eine riesige, strahlend weisse Fläche – Der Salar de Uyuni. Mit über 10.000 km² die grösste Salzwüste der Erde. Aber zur Zeit vielleicht eher ein Salzsee, falls die Regenfälle der letzten Wochen eine dünne Schicht Wasser über das Salz gelegt haben.
So unwirtlich die Ebenen sind, so gut scheint Quinoa mit der Trockenheit, salzigen Böden und großen Temperaturschwankungen zurecht zu kommen.
Der Asphalt wird schmal, dann löchrig, dann verschwindet er. Über die flachen Ausläufer des Vulkans Tunupa führt uns die Piste zum Rand des Salar de Uyuni. Lastwagen, schwer beladen mit Salzblöcken, schwanken im Schritttempo auf uns zu. Die ausgewaschene Piste ist nicht für sie gemacht. Sie verlangt die volle Aufmerksamkeit der Fahrer. Was der Strassenbau nicht befestigt, nimmt der nächste Regen einfach mit. Dennoch, für uns ist dieser Weg eine Möglichkeit abseits von Instagram-Spots an den Salar zu gelangen – auch wenn wir nicht sicher sind, ob unsere Butze der Strecke zugestimmt hätte. Die Fahrt zieht sich. Jeder Kilometer fordert müdes Durchhalten. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Coqueza, eine der kleinen Siedlungen rund um den Fuss des Vulkans. Das grasige Ufer des Salars ist an einer Stelle zugänglich. Endlich ein Platz zum Bleiben. Und einige Momente später verwandelt sich mit dem Abendlicht über dem Salar auch unsere Stimmung.
Das Altiplano ist relativ flach im Vergleich zu den umliegenden Gebirgsketten, es gibt keinen Abfluss zum Meer. Schon geringe Änderungen des Klimas können riesige Seen entstehen lassen oder sie vollständig austrocknen. Wie hier nach der letzten Eiszeit. Zurück bleibt eine Salzkruste. So entstanden die heutigen Salare, Überreste uralter Seen.
Compadres am Dorfrand
Wo die Piste auf den Salar abzweigt, nicht weit von unserem Stellplatz entfernt, legen sie die erste, ausgiebige Feierrunde ein. Die Musiker legen Trommeln und Flöten beiseite. Papierschlangen werden geworfen, Konfetti wirbelt im Wind, aus Plastikkanistern wandert Schnaps in alle Richtungen und Bier in Becher, die sofort kreisen. Ein erster Becher, ein zweiter, ein dritter, jeder Schluck eine Bekräftigung der Freundschaft, jeder Händedruck ein stiller Vertrag mit Schnaps im Blut. Man umarmt sich breit und geräuschvoll, als müsse man die Freundschaft hörbar machen.
Beim Compadre-Feiertag feiern Männer ihre symbolische Bruderschaft; beim Comadre-Feiertag feiern Frauen ihre symbolische Schwesternschaft. Beide Tage gehören zur Karnevalszeit in Bolivien. Für die Compadres ist es ein vertrauter Höhepunkt im Festkalender, für uns ein Moment unerwarteter Gastfreundschaft. Kaum nähern wir uns, noch zögernd, drückt uns jemand einen Becher in die Hand. Niemand fragt, wer wir sind. Niemand prüft, ob wir dazugehören dürfen. Das Dazugehören geschieht einfach. Ein Lächeln genügt, ein Salud, ein Schluck, und wir sind dabei. In diesem Kreis aus Compadres dürfen wir Beobachtende und Beteiligte zugleich sein. Die Fremdartigkeit verwandelt sich in Nähe. Sie bekommt Gesichter, Stimmen, wird zum Schulterklopfen. Und wir spüren, wie uns diese selbstverständliche Grosszügigkeit und das Gefühl, ohne Zögern einbezogen zu werden, wärmen.
Nach einer letzten ausgiebigen Feierrunde setzt sich der Zug erneut in Bewegung. Die Musiker führen ihn an, zurück zur Plaza. Wir merken, für diesen Moment gehören die Piste, der Salar und der windige Dorfrand den Compadres, ihren Flöten, Trommeln, ihrem Lachen und dem gemeinsamen Rausch.
Wir haben vor, die ‘Gran Pampa Salada’, die grosse Salzebene, südwärts zu durchqueren. Die Fahrt über den Salar wäre der einfachste Weg in die gewünschte Richtung. Zweiundachzig Kilometer zeigt das Navi. Die Rampe lockt. Aber sie führt in trügerisches Nass. Den genauen Streckenverlauf über den wasserbedeckten Salar de Uyuni kennen nur Erfahrene, wir nicht. Eine Überfahrt scheint uns derzeit keine gute Idee.
Entlang unserer Strecke entladen sich auch am nächsten Nachmittag heftige Gewitter. Vor dem Dunkelwerden erreichen wir das staubige, vom Tourismus überrannte und dennoch verwahrloste Uyuni, unseren Ausgangspunkt für den letzten Abschnitt unserer Fahrt über das Altiplano. Rasch erledigen wir das Notwendige. Doch im Moment als wir den Ort wieder verlassen wollen kommt es anders.
Flucht aus der Stadt
Unsere Butze meldet sich mit vier Warnleuchten gleichzeitig. Zwei Tage später, wir stehen noch immer vor der Werkstatt, wird klar, dass es nicht schnell gehen wird. Und weil wir nicht wegen der Stadt und der kommenden Feiertage da sind, verlassen wir Uyuni, ziehen uns zurück in die nahen Berge. Dort warten wir auf den Rückruf des Autoelektrikers, der uns bei der Fehlerfindung vielleicht helfen kann. Aber während des Karnevals ist ein geeignetes Diagnosegerät nicht aufzutreiben. Und wir haben gelernt, Warten gehört zum Reisen wie das Unterwegssein.
Während wir also warten, denken wir an die Dunkelheit in manchen Gegenden des Altiplano, an den klaren Sternenhimmel, die hauchdünne Sichel des Mondes heute abend. Und wissen, dass das günstige Bedingungen für eine Aufnahme des Sternenhimmels sind. Draussen fährt uns ein kalter Wind entgegen. Mit einer ans Stativ gehängten Wasserflasche lässt sich das unbändige Rütteln zumindest eindämmen. Wir richten die Kamera aus … Display gedimmt … Auslösen … Ein leises Klicken … Die Sekunden der Belichtung laufen … Warten … Jetzt sammelt der Sensor Licht, das unterwegs war, lange bevor es Menschen gab … Zehn Sekunden … Fünfzehn Sekunden … Fertig.
Für kurze Zeit hat unter der Milchstrasse alles gepasst, aber schliesslich rückt der Mechaniker unsere irdischen Hoffnungen an ihren Platz. Der eigens angereiste Fachmann mit Diagnosegerät gibt sich sichtlich Mühe, aber am Ende kann er den Fehler nicht beheben, noch nicht einmal eindeutig zuordnen. Dennoch, ein einhelliges “Ihr könnt fahren … Das ist sicher”, aller Befragten zerstreut unsere Zweifel fürs Erste. Also machen wir uns auf den Weg zu den Lagunen und Vulkanen im Süden des Altiplano.