Hochebene zwischen Wasser und Salz - Teil 2

Texte Bolivien | El Alto, Januar 2026

An den Rand des Altiplano

Seit über zwei Monaten sind wir hier oben unterwegs, meist um die 4.000-Meter-Marke. Irgendwann drängt sich die Frage auf: Was macht das eigentlich mit dem Kopf? Die KI bleibt gelassen: „Keine Sorge, Schaden nimmt er nicht – dein Gehirn arbeitet nur im Höhenmodus. Es denkt langsamer, spart aber Sauerstoff.“ Wir nicken. Und fragen uns insgeheim, ob wir die Verlangsamung schon für Normalität halten.

Gewitter über dem Titicacasee - Es erinnert uns daran, der Regenzeit möglichst bald südwärts entkommen zu wollen.

Wir umfahren den Titicacasee am westlichen Ufer. Mitte Januar überqueren wir die Grenzbrücke über den Rio Desaguadero. Sie verbindet Peru mit Bolivien. Aus der Nationalstrasse 3S wird die Nationalstrasse 1.

Der See ist noch immer das Herz der Landschaft. Um ihn herum unverändert Ebenen, begrenzt von niedrigen Hügel-, manchmal etwas höheren Bergketten.

Nur eine These
In einer Ebene südlich des Titicacasees befinden sich die Ruinen eines der bedeutendsten vorinkaischen Zentren der Anden – Tiwanaku.

Archäologische Arbeiten an der Akapana-Pyramide, einer stufenförmigen Erhebung aus Lehmziegeln, die vermutlich kultische Zwecke hatte.

Die Tiwanaku-Kultur beeindruckte lange vor den Inkas mit monumentaler Architektur und veränderte die Massstäbe der Andenwelt, bis sie, vermutlich durch Klimaänderungen und politische Instabilität, zerfiel. Heute ist Tiwanaku eine archäologische Stätte und Erinnerung an eine vergangene Hochkultur. Mauern und Fundamente, Schatten einer Stadt, die einst sehr betriebsam gewesen sein soll.

Das Sonnentor - Monumentale Steinmetzkunst, die Rätsel bewahrt. Wir spüren Macht, aber keinen Zugang.

Die Frage beschäftigt uns, ob das, was wir heute als Kulturerbe bewundern, nichts anderes ist, als die Überreste gescheiterter Versuche, Herrschaft, Macht und Einfluss konsequent auszuweiten. Gewagt. Während wir zwischen den Steinen stehen, merken wir, wie unsere Gedanken grösser werden als die Gewissheiten. Wir spüren, wie die Gelassenheit der KI angesichts einer so pauschalen Annahme schwindet. ‘Starke Formulierung im Denkmodus der Höhe, intellektuell reizvoll, aber riskant’, hören wir sie warnen. ‘Das kann man so nicht sagen. Die Antwort ist komplizierter und voller Grautöne’. Gut, antworten wir vorsorglich, versuchen wir es mit einer Abwandlung des Gedankens: Vielleicht waren nicht die Kulturen mit den grössten Monumenten die dauerhaftesten. Vermutlich ist Grösse keine Garantie für Beständigkeit.

Die Landschaft ist geprägt von weiten Weide- und Ackerflächen, Höfen und hausförmigen Strohschobern.

Während Tiwanaku und das Inka-Imperium ihre Macht in Stein ausdrückten und zerbrachen, überlebten Quechua- und Aymara-Gesellschaften ohne monumentale Imperien, durch Anpassung und soziale Nähe statt Expansion. Ihr Erfolg misst sich nicht in Weltkulturerbe-Ruinen, sondern in Jahrtausenden nachhaltiger Alltagskultur. Sie haben nicht Geschichte gemacht, sie haben sie überstanden. Gewiss, das ist eine These, jedenfalls eine gedankliche Abkürzung. Aber ohne Thesen gäbe es keine Diskussionen. Ausserdem wurden unsere Vorstellungen zur Aymarakultur sowieso bald vor neue Fragen gestellt. Schon in der nächsten Woche.

Ebenen und Hügelland zwischen dem Titicacasee und dem östlichen Rand des Altiplano.

Nicht was wir erwartet haben!
Zurück auf die Nationalstrasse 1. Sie führt durch eine Landschaft, in der Dörfer weit auseinander liegen. Oft nur ein paar Höfe, eine Schule, ein Sportplatz. Die Bevölkerungsdichte ist gering. Bis wir auf unserer Strasse in ein rasch dichter werdendes Netzwerk aus Werkstätten, Geschäften, Läden, Strassenzügen, Verkehrsknoten und unfertigen Gebäuden geraten. Ein staubiges Raster breitet sich horizontal aus, scheinbar endlos, Block für Block. Für einen Moment fühlen wir uns verloren. Zwischen den Lehmziegeln von Tiwanaku und den Backsteinfassaden von El Alto liegen nur sechzig Kilometer, und doch Jahrhunderte.

Lange galt die Stadt als arm oder vorläufig, doch heute, heisst es, sei sie ein Zeichen für indigene Stärke, politischen Widerstand und urbanes Wachstum.

Den Namen El Alto, ‘Die Hochgelegene’ hat man beibehalten, als 1985 aus der damaligen Ansammlung stetig wachsender Zuwanderersiedlungen offiziell die neue Stadt gegründet wurde. Einigermassen beruhigend inmitten dieser urbanen Zumutung ist für uns die Aussicht auf einen brauchbaren Stellplatz, der sich als Basislager für unsere Erkundungen eignet.

Erleichterung - Nahe der Universität, in Teresa's Hof, finden wir einen Platz für uns und unsere Butze.

Wir machen uns auf den Weg. Zur Wahl stehen zwei Perspektiven auf die ‘Avenida 16 de Julio’. Schwebend in einer Kabine der Teleférico, wie das Seilbahnsystem hier genannt wird, oder zu Fuss, auf Strassenniveau. Die Seilbahn gehört für uns zu den faszinierendsten Fortbewegungsmitteln in einer Grossstadt. “Aber lass uns zu Fuss anfangen. Die Seilbahn kommt später noch”.
Die ‘Avenida 16 de Julio’ ist lang. Wir gehen los, die funktionalen Betonbauten der Universität hinter uns. Wie ist El Alto? Reduziert man alle Eindrücke bis auf einen, bleibt ein Meer aus ziegelroten Backsteinstrukturen. Davor heben sich vereinzelt bunte Fassaden ab. Massive geometrische Muster, bleiche Farben, offenbar erste zögerliche Versuche Gebäuden eine ästhetische Note zu verleihen.

Fast immer liegt der gestalterische Schwerpunkt auf den zur Strasse zeigenden Hauswänden.

Haben sich die Augen erst einmal auf die Suche gemacht, fallen auch dekorative Elemente an anderen Gebäuden auf. Beim Versuch eine auffällig symmetrisch gemusterte Fassade zu deuten erinnern wir uns an die Tiwanaku-Symbolik.

Stufenformen im altandinen Tiwanaku verweisen auf Konzepte von Ordnung, Übergang und eine Kosmologie mit mehreren Ebenen.

Eine spezielle Form des gestuften Kreuzmotivs ist das andine Kreuz, Chakana genannt. Die drei Stufen je Seite stehen für die drei Welten der Anden-Kosmologie: Hanan Pacha ist die obere Welt der Götter und Geister, Kay Pacha ist die mittlere Welt der Menschen und der Gegenwart, Uku Pacha ist die untere Welt der Ahnen, des Inneren und Unterbewusstseins.

Chakana, an einer Fassade in El Alto - Solche Formen zeigen, dass Cholet-Architektur auch traditionelle Wurzeln pflegt.
Kann man als Pumakopf betrachten - In der Aymarakultur hat der Puma eine sehr starke symbolische Bedeutung. Er steht vor allem für Kraft, Schutz, Mut und irdische Macht. Aber basiert diese Darstellung auch auf andin-indigener Herkunft?

Als wir der ‘Avenida 16 de Julio’ weiter folgen gestaltet sich unser Versuch, Farben, Formen oder Symbole der Cholet-Fassaden aus indigenen Vorbildern abzuleiten, zunehmend schwieriger. Manchmal scheint die überbordend bunte, überladene Gestaltung sogar ganz auf den Bezug zu traditioneller Aymara-Ästhetik zu verzichten.

Ein paar Häuser weiter taucht der nächste Blickfang auf. Je länger wir schauen, desto weniger funktioniert das indigene Klischee.

Plötzlich steht er da. Ein Eiffelturm. Golden. Monumental. Unerwartet. Eine merkwürdige Idee, als hätte jemand beschlossen, dass dieses Symbol globaler Kultur hier oben einfach dazugehört.

Höher als die Seilbahn - Ein riesiger, goldener Eiffelturm erhebt sich vor der Fassade eines neuen Cholets an der 'Avenida 16 de Julio'.

Während sie, sichtlich beeindruckt von einer futuristisch anmutenden Fassade, ihre Kamera wegpackt ruft uns eine Frau entgegen: „Was für ein faszinierendes Gebäude!“ Ehe wir eine Antwort formulieren können wiederholt sie: “Faszinierend!” und verschwindet im wartenden Taxi. Wir können ihre Euphorie nur eingeschränkt teilen. Vielleicht kennt sie sich ja aus mit Architektur. Aber so weit sind wir noch nicht gekommen mit unserem Gang durch die Alleen der Cholets. Viele wirken auf uns gewollt plakativ, manche spektakulär mit übersteigertem Reiz, mit Spiegelglas und imposanten Reliefformen, die niemand übersehen kann. Die Architektur stemmt sich gegen die Reduktion auf Folklore. ‘Seht doch, wir sind nicht traditionell geblieben, wir haben uns verwandelt.’ Und wir merken, wie auch wir zögern, sie vorschnell einzuordnen. Aber die Wucht dieser Verwandlung überrascht uns. Um die futuristische Ăsthetik noch zu steigern greifen einzelne Gebäude bekannte Science-Fiction Bildwelten auf.

Transformers, Cybertron, Megatron - Globale Popkultur wird verwendet, um den eigenen Fortschritt und die eigene Modernität zu symbolisieren.
Übersteigerte, mechanische Ästhetik. Typisch sind kantige Formen, starke Symmetrien, futuristische Linien und technische Muster.

Cholets verlangen Beachtung. Warum, erschliesst sich uns nach und nach, und bereichert unser Bild der indigenen Aymara-Bevölkerung um eine eigenwillige Facette.

Ein Iron Man-inspiriertes Cholet an der 'Avenida 16 de Julio' gehört der Familie Poma-Patzy, die im Handel mit Kartoffeln und Geflügel tätig ist.

Bald bemerken wir, dass viele dieser Gebäude unten Geschäfte beherbergen, darüber grosse Festsäle, darüber Wohnungen. Eine weitergehende Bedeutung der Fassadengestaltung erschliesst sich uns damit aber nicht. Erst später erfahren wir, dass es sich um mehr als eine architektonische Bewegung handelt. Bei der Recherche stossen wir auf Freddy Mamani, den führenden Architekten in El Alto. Für ihn spiegeln diese Häuser das neue Selbstbewusstsein einer aufstrebenden Aymara-Elite wider, eine Verbindung aus traditioneller Identität, modernem Lebensstil und persönlichen Vorlieben. Und, vielleicht mit am wichtigsten, die Überwindung einer jahrhundertelangen Zurückhaltung und Unsichtbarkeit indigener Menschen.

"Textilien aus Beton“ - Mamani beschreibt seine Bauwerke als von andinen Textilien, Mustern und Farben inspiriert und in Beton übersetzt.

Wir verstehen seine Sichtweise so: In El Alto begegnet uns eine indigene Neuinterpretation von Moderne, die nicht nach Authentizität fragt und keine Rücksicht nimmt. Sie ist laut, urban, erfolgreich, ein architektonisches ‘Wir sind da’. Wo Monumente früher Macht ausdrückten, dienen sie heute der Sichtbarkeit. Die Cholets sind also weniger ein Bruch mit der Aymara-Kultur als ein Ende erzwungener Bescheidenheit. Genau das hat unser Bild erweitert. Höhe macht langsamer – vielleicht auch unsere Erkenntnisse.