Texte Bolivien | El Alto / La Paz, Januar 2026
Wir gehen weiter. Die Seile über uns. Die nächste Station ist nicht weit. Die Kabinen der Teleférico gleiten daran, ruhig, gleichmässig, als gehörten sie nicht ganz hierher.
Die Kabinen kommen, eine nach der anderen. Wir steigen ein, die Türen schliessen, die Marktgeräusche verklingen, und mit einem spürbaren Ruck hebt sich die Gondel. Ein Zittern im Boden. Dann Schweben. Die Avenida fällt zurück. Augenblicke später erreichen wir die schroffe Abbruchkante am östlichen Rand der Hochebene. Da endet die obere Stadt, El Alto. Und beginnt eine andere, die unten, La Paz.
Zwischen El Alto und La Paz pendelt man nicht nur in der Höhe: Unten prägen koloniale Fassaden, Regierung und mestizische Traditionen das Stadtbild, oben erheben sich bunte Cholets, indigene Aymara-Kultur, lebhafte Märkte und Proteste, ein Plateau voller neuer Ideen.
Die Teleférico verbindet beide Städte über jedes Gefälle, über Schluchten und Dächer hinweg, und ist für uns weit mehr als ein Verkehrsmittel. Sie bietet die besten Ausblicke auf das urbane Mosaik und wir bekennen uns, heute sind wir Liniensammler. Wir sammeln die Linien der Teleférico von El Alto und La Paz, sind unterwegs, nicht um anzukommen, sondern um jede Linie wenigstens einmal gefahren zu sein.
Statt Sehenswürdigkeiten stehen Linienfarben, Endstationen und Umstiege im Mittelpunkt. Jede Fahrt ist ein kleiner Perspektivwechsel: andere Höhen, andere Viertel, andere Mitfahrer. Für die meisten ist die Seilbahn schlicht ein alltägliches Verkehrsmittel, ein Mittel zum Zweck. Die wenigsten fahren aus reinem Vergnügen.
Ein älteres Ehepaar sitzt uns gegenüber, ihre Mienen strahlen eine fröhliche, stille Freude aus. Man merkt, sie geniessen den Moment. Ihre Hände berühren sich. Im Gespräch erfahren wir, dass sie heute ihren Hochzeitstag feiern, und dies ihre allererste Fahrt mit der Seilbahn ist.
Unter uns werden wohlhabendere Wohnviertel sichtbar. Die Gegend wird offener, moderner, mit breiteren Straßen und mehr Vegetation. Und doch wirken manche der stolzen Villen entlang der Linie verwaist. Verwahrlosung lauert auf geordneten Grundstücken hinter hohen Mauern. Kaum ein Zeichen von Leben. Zierbrunnen und Pools liegen trocken.
“Nicht mal die konnten gegen die Seilbahn was tun”, sagt der Mann.
“Gab es Widerstand?” fragen wir.
„Ja, Klagen“, antwortet er nüchtern, „aber sie konnten es nicht verhindern.“
Wir schweigen einen Moment, alle schauen nach unten.
„Wir fahren direkt über Grundstücke mit Schwimmbecken“, fügt die Frau hinzu.
Wir nicken. Für sie ist die Teleférico ein Ausdruck sozialer Gerechtigkeit, der zeigt, selbst Wohlstand kann sich ehrgeizigen politischen Ambitionen nicht entziehen.
Wir verabschieden uns schliesslich von den beiden als wir alle an der Endstation aussteigen müssen. Für einen Moment stehen wir zwischen ein- und ausströmenden Menschen, leicht benommen vom Gespräch. Hochzeitstag über den Dächern der Stadt. Was für eine stille, eigensinnige Art zu feiern. Wir lächeln ihnen nach. Sie wenden sich dem Eisstand am Ausgang zu. Diese Fahrt hat für sie ein Ziel. Für uns dagegen verschiebt sich das Ziel von Farbe zu Farbe.
Unser Ziel ist kein Ort, sondern das vollständige Durchqueren des Netzes, aus Freude am System und an dem, was zwischen den Stationen sichtbar wird. Der Lohn dieser Methode ist ein Häkchen auf einem Linienplan und das angenehme Gefühl, in ein Viertel mit einer Kabine einzuschweben, sich treiben zu lassen zwischen Häusern und Steilhängen, Gesprächen und Blicken, getragen von einem Netz, das die Stadtteile verbindet.
Und während die nächste Linie bereits wartet, verfestigt sich unsere Idee, den Rand des Altiplano, die Abbruchkante mit El Alto und La Paz nicht nur besuchen, sondern Linie für Linie erfahren zu wollen.