Grosses Fest der Toten

Texte Mexiko | Oaxaca, November 2019

In Mexiko herrscht nicht gerade ein Mangel an Geselligkeit und Lebensfreude. Und manchmal sind sogar Tote gern gesehene Gäste. Alljährlich Anfang November, am Tag der Toten, der auf Spanisch ‚Día de muertos‘ heisst, bieten die Friedhöfe Mexikos ausgiebig Gelegenheit, sich das Gegenteil eines stillen Gedenkens vorführen zu lassen. Wir malen uns aus, wie man eine fröhliche Nacht mit den Verstorbenen verbringt, und machen uns auf den Weg. Wir wechseln aus dem zentralen mexikanischen Hochland hinunter ins tiefer gelegene Oaxaca. In Strassenkilometern etwa 500 südwärts, in Höhenmetern etwa 750 abwärts.

Oaxaca, im südwestlichen Mexiko, feierfreudig und getränkt von Mythen und Legenden. Es ist der 1. November. Unser Ziel ist der alte, mit Unkraut überwucherte Hauptfriedhof San Miguel. Normalerweise gegen abend, mit der eintretenden Dunkelheit, erscheinen Besucher: Die Seelen Verstorbener. Noch schweben sie in ihrer Unendlichkeit, einem reinen, in sich gekehrten Sein im Reich der Schatten, das ewig dauert. Dort ist jenseits der irdischen Zeit kein Ende abzusehen. Kein Wunder also, dass die geselligen mexikanischen Seelen den Lauf der Zeit einmal jährlich unterbrechen, um im Diesseits mal wieder eine Nacht lang ausgelassen zu feiern, so richtig ‚die Mähne rauszulassen‘, sagen sie dazu.

Bei Bedarf kann man Musiker am Grab engagieren

Die Geschichtsbücher lehren, dass man einem vorchristlichen Erbe folgt.

Einem indigenen Brauch, den die Azteken im zehnten Monat des heiligen Kalenders ihrer Priester als ‚Hueymiccailhuitl‘, als Grosses Fest der Toten, feierten. Sündhafte Kulte und Götzenverehrung. Abgöttische Riten, die der Abhilfe bedürfen, befanden spanische Missionare Mitte des 16. Jahrhunderts, nachdem sie die ruinierte, genauer gesagt, die kurz zuvor nicht nur materiell zerstörte, in Ruinen und Trümmer verwandelte Kultur in Augenschein genommen hatten.

Prächtige Verkleidung zur Erinnerung an das aztekische Erbe

Dennoch, auch wenn die Kulturen der aztekischen Völkerschaften seit langem verschwunden sind, die Totenfeste haben offenbar überdauert und sich der neuen Situation angepasst. Die Seelen kehren seit jener Zeit eben auf christliche Friedhöfe zurück. Diese werden zu Festparks, die katholische Obrigkeit duldet es und hält sich fern. Sie will nicht in den Einflussbereich finsterer Mächte geraten. Kein anderer Tag im Jahr, an dem man ein ähnliches Spektakel auf Mexikos Gräberfeldern in grossen Städten wie in abgelegenen Dörfern erleben kann, wie am Día de muertos.

Segnend erhebt eine Gipsstatue die bleiche Hand. Unter ihr die Grabplatte von Arellano Hernandez. Unter der Platte seine ausgedienten Knochen, die ihm, wie die eingravierten Daten belegen, stattliche 83 Jahre durch‘s irdische Dasein geholfen haben. Bis vor kurzem, Arellano gehört hier zu den Neuen. Fermín, das ist Arellanos Sohn, der sich gerade bemüht, eine Flasche Tequila gut sichtbar auf der Grabplatte zu plazieren, sagt: „Tequila mochte er. Es wird seine erste Rückkehr. Wär doch ein Jammer wenn er nicht kommen würde.“ Er legt orange und gelbe Totenblumen aus, für umherziehende Seelen am besten erkennbare Farben, heisst es. Er entzündet Seelenlichter, legt Totenbrot mit allerhand Verzierungen dazu. Die meisten Grabstätten sind, ähnlich den geschlossenen Formen marmorner Altarblöcke, allseitig ummauert und fast immer, wie der Tisch für ein Gelage, mit grossflächigen Abdeckplatten, versehen.

Totenbrot
Verzierungen

„Unumgänglich“, sagt Fermín, „Opfergaben sind fällig, wenn Seelen zur Rückkehr ermuntert werden wollen. Die Seelen empfängt man mit einem tröstenden Schnaps und einem gemeinsamen Mahl.“ Noch während die Grabplatte sich in eine Festtafel verwandelt, bricht der Abend auf dem Friedhof an. Ein effektvoll farbenwechselnder Plastikschädel baumelt mittlerweile an der Segen spendenden Gipshand. Wir treten näher ans Grab.

„Und wo genau kommen die Seelen her?“

„Kommt darauf an … Die meisten aus dem Inneren des Himmels.“
„Bemerkt man ihre Ankunft?“
„Sicher, ja. Irgendwie schon, denke ich.“
„Wie denn?“
„Wie?“
„Na ja, geben sie irgendwelche Lebenszeichen von sich?“
„Also, wie Seelen halt … Rascheln oder Flackern … Oder so eine Art Berührung vielleicht.“
„Und sind sie wirklich da, deiner Meinung nach?“
„Meiner Meinung nach … Vielleicht, vielleicht auch nicht.“
„Fehlt er dir?“
„Wer?“
„Dein Vater.“
„Sonst war er immer dabei … Hier, meine ich … Als Mensch.“

Sterben, Tod, Enden. Unbegreifliche Tatsachen. Stumm blicken wir auf das Grab. Rings um die Grabstelle sind steinerne Andachtsbänke aufgestellt. Fermín setzt sich.
„Er ist erst diesen Januar gestorben … Er hatte Durst … Ich bin gegangen, um etwas zu holen … Und als ich zurück gekommen bin, da war er schon tot … Aber seine Hand war noch ganz warm.“ Fermín senkt den Kopf. Nach kurzem Schweigen murmelt er: „Nein, alles gut … Er hat sein Leben gelebt … Letzten Endes stirbt man halt irgendwann an irgendwas.“ Er ordnet das schmerzliche Bewusstwerden, wie man es für diese Nacht zu ordnen hat, und gibt sich unerschütterlich:

„Aber sich in Gedanken eine Nacht lang einander Gesellschaft zu leisten, die Möglichkeit zumindest bleibt.“

Und weil Brauch Brauch sei, seien wir auf jeden Fall eingeladen. Aber gewiss, jeder sei willkommen. Arellano hätte sich sehr gefreut, nein, wird sich sehr freuen, diese Seelennacht in angenehmer Gesellschaft zu verbringen. Und darum geht es doch. Wir versprechen, nach unserem Rundgang über den nächtlich-lebensfrohen Friedhof zurück zu kommen.

Schmerzliches Bewusstwerden

Die Zusammenkunft am Grab ist keine schwermütige Angelegenheit. Das Gedenken an die Verstorbenen gleicht eher gut gelaunten, zuweilen turbulenten Familientreffen. Die meisten kommen aus dem Diesseits, einige Ehrengäste aus dem Jenseits. Jeder bringt was mit, nur die Diesseitigen versteht sich. Man isst und trinkt. Man erinnert sich, scherzt und erzählt altbekannte Begebenheiten nocheinmal und aufs Neue, wobei das Weggelassene oder eine oder andere Hinzuerfundene wichtiger ist als ein kleiner Verlust an Realitätsnähe.

Viva la familia!

Eine Stunde später sind wir wieder an Arellanos Grab. Die Stelle umdrängt eine singende, Flaschen und Becher schwenkende Menge: Hinterbliebene, Angehörige, Freunde, Bekannte oder einfach so Dazugestossene. Durch den vielstimmigen Lärm dringt der Klang von Gitarren. Die Menge hat sich des Rhythmus bemächtigt. Singen und Grölen verbrüdern sich zu leidenschaftlichen Hymnen. Fermín hat die Rolle des Chorleiters eingenommen. Unser Gastgeber schwenkt seine Arme in seliger Gemeinschaft.

„Viva la familia!“ – „Viva!!“ – Viva Arellano!!“ – „Viva!!!“