Mexiko

Sierra Tarahumara

März 2018

Wir schlagen den Weg in die Berge ein. Die sorgfältig bestellten Felder der Mennoniten bleiben hinter uns zurück. Welliges Hügelland verdichtet sich zur vor uns liegenden Sierra Tarahumara. Sie ist Teil der Sierra Madre Occidental, der westlichen Sierra Madre, die als zerklüftete Gebirgsmauer zwischen zentralem Hochland und Pazifischem Ozean steht.
Alles Auswurfmaterial, sagen Geologen, meist vulkanischen Ursprungs, im Zuge von explosiven Ausbrüchen niedergegangen. Asche und Gestein in kilometerdicken Schichten abgelagert, verfestigt, um schliesslich zu verwittern und der Abtragung je nach Festigkeit kürzer oder länger zu widerstehen. Sturzkanten hoher Wasserfälle, lotrechte Felswände, Felstürme, splittrige Grate, jäh abfallende Steilhänge, aufgesprugene Bergkämme, zerfurcht in allen Himmelsrichtungen.
Als Antonin Artaud 1936 auf seiner Suche nach Heilung am Ende der Welt die Sierra Tarahumara aufsuchte gab es kaum ein paar unkenntliche Saumpfade. Er fühlte sich abgewiesen von der Schroffheit und Unwirtlichkeit. Und er war überzeugt davon, dass dieses furchtbare Gebirge ihm Barrieren aufgebaut hatte weil es ihn nicht hereinlassen wollte.
Auch wenn die Sierra Tarahumara noch immer eine schwer zugängliche Berg- und vor allem Schluchtenwelt ist – wie ein grosser Teil der westlichen Sierra Madre insgesamt – ermöglicht heute doch, neben einer Zugverbindung auf eindrucksvoller Trasse, auch eine dürftig instand gehaltene, kurven- und serpentinenreich an den Flanken der Sierra entlangführende, Landstrasse den Zugang. Manchmal allerdings so dicht durchsetzt von Brüchen und Löchern, dass wir über ein schlingerndes Schritttempo nicht hinauskommen, manchmal hart am Abgrund, weil kein anderes Vorbeikommen möglich ist.
„Wir haben es nicht eilig!“, mahnt meine besorgte Gefährtin. Bedeutungsvoll richtet sie ihre Augen auf die marode Strasse. Steinschlag und Frost haben den Belag aufgebrochen, Regen hat ihn ausgespült, Strassenarbeiter ihn mit Erde trockengelegt und notdürftig eingeebnet. Gehorsam lasse ich den Fuss auf dem Gaspedal leichter werden. Unter einer Brücke fällt ein klaffender Riss steil in die Tiefe. An ausgesetzten Stellen rüttelt böiger Wind an unserem Fahrzeug. Den Blick unverwandt an die ungefähren Ränder des Asphalts geheftet, pendeln und rumpeln wir gemächlich, sehr gemächlich, durch einen der höchsten Teile dieses grandiosen Gebirges.
Wir erreichen den Ort Creel. Das Gebirge weitet sich zum schmalen Hochtal. Die beiden, sich durchs Gebirge windenden Linien treffen hier zusammen: Die Gleise des Chepe, des Zugs, der mehrmals in der Woche mit mindestens zwei vorgespannten Diesellokomotiven hier durchkommt, und unsere brüchige Strasse, die der Träumerei des Ankommenden gleich am Ortseingang, dank umsichtiger Verkehrsberuhigung, mit einer Reihe grober Betonwellen spürbare Grenzen setzt.
„Wir haben es nicht eilig.“
„Nein … Ich hab`s einfach nicht gesehen … Aber hast du das Ortsschild gesehen? … Pueblo Magico! … Was soll das sein?.“

Das Sekretariat für Tourismus ernennt seit 2001 Orte von kulturellem und touristischem Interesse zu ‚Pueblos Magicos‘. In Mexiko gibt es derzeit, im Jahr 2018, 121 solcher ‚magischen Orte‘. Creel ist seit 2007 ‚Pueblo Magico‘.




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