Mexiko

Johan

März 2018

Es ist eine hügelige, bei aller Mühe wenig ertragreiche Landschaft, die sich westwärts hinter Chihuahua-Stadt ausbreitet. Felsig und trocken. Bei Cuauthémoc fällt das Hügelland zurück. Es weicht einer fruchtbar gemachten Ebene. Erschlossen vor knapp hundert Jahren. Durchzogen von spurbreit geschotterten Linien, nützlichen Wegrastern, die eine nüchterne Ordnung in die Landschaft zeichnen. Damals war eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft – auf der Suche nach Selbstbestimmung und Land – eingewandert, und hat diesen Winkel Mexikos sorgfältig in Ackerboden und Ansiedlungen gegliedert. Wirklich sorgfältig. Mennoniten, Bewahrer von schlichtem Lebensstil, züchtiger Kleidung und gottgefälligen Werten, Fleiss, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit.
Die Ebene wird bestimmt von einer schmucklosen Ernsthaftigkeit, vom Anblick der weiten, rechteckigen Felder, den kleinen Gruppen von Höfen – die allem Weltlichen abgewandt dazwischen liegen – und dem scheuen Auftreten der frommen Bewohner. Ihr Leben ist streng um die reine Lust am Glauben und die Achtung der biblischen Worte herum angelegt – ‚Eine feste Burg ist unser Gott‘.
Um eine Vorstellung zu bekommen beschliessen wir, uns diese altertümliche Lebenskunst genauer anzusehen und unsere mitgebrachten Erwartungen zu überprüfen.
Die Mennoniten waren 1922 mit Sack und Pack aus Kanada heruntergekommen. Nach allem was man erfährt lehnen sie weltliche Mächte ab, halten sich im Gegenzug aus der Politik heraus oder gelten zumindest als unpolitisch, bekennen sich zur Gewaltlosigkeit, verweigern folglich den Dienst an der Waffe, halten Altes und Neues Testament für Schulbücher, und legen daher Wert auf eigene Schulen und selbstgemachte Bildung.
‚Die Mennonitische Post‘ berichtet aus dem Leben der Mennoniten. Wir kaufen die aktuelle Ausgabe und blicken durch ein Fenster in ein unerschütterlich andauerndes und immer noch sehr reges Gestern. Zwischen Anzeigen von Saatkorn- und Landmaschinenhändlern, Hospitälern, Knochenspezialisten und Ankündigungen von Auktionen ist die Rede von 96 Jahre Mennoniten in Mexiko: 'Die Mehrheit der Mennoniten Mexikos gehört der Altkolonier Gemeinde an … In vielen Kolonien führt man noch die traditionellen Dorfschulen, wo alle Schüler von einem Lehrer in einem Klassenraum unterrichtet werden; aber in einigen Kolonien fördert man heute auch schon eine höhere Bildung.' Aber Johan zweifelt am Bedarf von Gelehrigkeit. Und eines hat er, der Milchbauer, mit dem wir am Tag drauf ins Gespräch kommen, gelernt:
„Unserer Hände Arbeit allein genügt nicht. Zum Wirtschaften muss auch das Beten kommen. Denn … Ohne Gott dann komme ich nicht weit.“
Wir zögern.
„Die moderne Welt steckt doch voller Gefahren“, erklärt Johan weiter.
„Wirklich?“
„Ich glaube schon.“
In dieser unvergänglichen Vergangenheit fühlen wir uns seltsam unschlüssig, schwanken zwischen verunsicherter Toleranz und schuldiger Skepsis. Sollen sie‘s doch machen wie sie denken. Würden zu ihrem ausgeprägten Sinn für das alte Leben nicht auch noch althergebrachte Geschlechterrollen, sämtliche überkommene Ansichten zur Sexualität und die heillos veraltete Endgültigkeit ihrer Lebensgestaltung überhaupt gehören. Allenthalben Verbote und Gebote denen schon die Fröhlichkeit ein Dorn im Auge ist. Nichts Neues für alle Ewigkeit? Alle wichtigen Gedanken sollen schon gemacht sein?
„Oh …“, wechselt Johan zu einem Thema, bei dem er sich wohler fühlt und macht aufmerksam auf den Wandel, „ … Das sind ungefähr 50 oder 70 Jahre zurück … Damals benutzten sie bloss Pferdekutschen … Jetzt, zu dieser Zeit fahren sie alle Auto.“
Ja, nur für einen Teil der Gemeinschaft bedeutet getreu der heiligen Schrift an Latzhosen, kleingeblümelten Dunkelkleidern und der Technik der Vorfahren festzuhalten. Andere handhaben es weniger ursprünglich. Sie machen sich das Leben leichter in ansehnlichen Wohnhäusern und Höfen, mit modernen Traktoren und Smartphones. Sie erkennen darin keine Abkehr von der Bibel.
In der heutigen Wirklichkeit dieser nordmexikanischen Hochebene fallen, weiss Gott, sehr unterschiedliche Lebensweisen auf.
„Ein jeder muss es doch machen auf seine Weise“, sagt Johan.
Freilich, nicht alle lehnen technischen Fortschritt ab, wohl aber den gesellschaftlichen. Und sie bleiben unter sich. Mehr oder weniger.
„Nein … Wir sind nicht Mexikaner.“
„Im Pass?“
„Heissen wir Mexikaner … Aber unser Blut ist nicht mexikanisch.“
„Was ist das Blut?“
„Das ist mennonitisch.“
Wie auch immer, so oft wir mit Mexikanern auf die mennonitischen Kolonien zu sprechen kommen wird respektvolle Anerkennung auf mexikanischer Seite spürbar. Sie mögen die genügsame Art ihrer rechtschaffenen Ansiedler, schätzen ihre Fertigkeiten und ihre Entschlossenheit. Mennoniten sind gern gesehene, wenn auch vielleicht etwas sonderbare Zeitgenossen. Gleichwohl, Johan will weiter.
„Unser Plan ist, nach Kolumbien zu ziehen.“
„Ist das besser?“
„Da regnet es viel mehr als hier“, sagt er.
Nachdem er sich verabschiedet hat stelle ich mir vor, wie er nach Hause in die friedliche Abgeschiedenheit des Campo 43 zurückkehrt und sich am massiven Holztisch vor einem grossen Teller dampfender Suppe niederlässt. Dann würde er seine, von der vielen Vieharbeit schwer gewordenen, Hände falten, den Blick senken und sein abendliches Tischgebet leise ergänzen: … Und wir bitten, Herr, hilf anderen, allzeit zu akzeptieren wie immer wir zu leben und zu arbeiten wünschen, und hilf uns, unsere Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren.




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