Kanada

Hector und Hughie

September 2017

In Cape North ist von Mai bis Oktober, immer samstags von zehn bis eins, Farmer’s Market: Frisch Gebackenes, Bioprodukte, Kunsthandwerkliches, Markt-Café und mehr. Der Mann an der Theke lacht und grüsst. Sein Lachen scheint uns ermutigen zu wollen, weiter zu gehen, nicht stehen zu bleiben im Eingang. Natürlich fallen wir als Fremde auf, auch wenn bestimmt noch andere von auswärts hier sind. Wir lassen unsere Blicke durch den Saal streifen. Man scheint sich zu kennen, von vielen Märkten und auch sonst. Alles ist freundlich und verhalten und ohne erkennbare Neigung, sich dem Kunden aufzudrängen. An langen Reihen aneinandergestellter Tische sind Leute beschäftigt mit dem Zurechtrücken, Umsortieren, Aus- oder Einpacken von Waren – Arbeiten, die zum Betrieb der ländlichen Markttische gehören – umgeben vom Geruch vor kurzem geerntetem Gemüse.
Wie? Richtig, wegen Brot waren wir da. Na ja, ob hier ‚richtiges‘ Brot zu bekommen wäre haben wir nicht herausgefunden. Um diese Zeit jedenfalls, wir sind spät dran, ist kein Brot (mehr?) da.
Auf einem blassgrün lackierten, niedrigen Holzpodest wird aufgespielt. Im alten Stil. Jemand singt, vom Schrammeln seiner Gitarre begleitet, und ein anderer spielt Ziehharmonika.
„Hector? Der mit der Schiebermütze … Und der Hagere mit der Ziehharmonika … Hughie.“
Sehnsucht und Wehmut ziehen über das Podest. 'Down on the Farm'. Hector und Hughie preisen die vertrauten Gefilde, froh in einer Heimat, der neuen Heimat, zu sein. Nouvelle France. Akadien. Nova Scotia. Ihre Lieder handeln von Ausgewanderten und Angekommenen, von beschürzten Frauen und bärtigen Männern, sicher, dass sie um nichts in der Welt irgendwo anders leben möchten als hier. Glücklich, das eigene Getreide wachsen zu sehen. Freuden des Farmerdaseins.
Behaglich.
‚Bleibt!‘, lädt uns die Hillbilly-Klangdekoration des Marktes ein, unterstützt vom Anblick frisch gebackener Kuchen und beeindruckender Früchtetörtchen. Wir entscheiden uns für Blaubeermuffins und Karottenkuchen, ziehen uns an einen der ruhigen, abseits stehenden Café-Tische zurück, und beginnen unsere Zeit damit zu verbringen, den Marktleuten des 21. Jahrhunderts zuzuschauen.
Farmer, Nachfahren französischer und britischer Einwanderer seit dem 17. Jahrhundert. Jetzt sind sie Kanadier, vor deren verstreut liegenden Höfen häufig schottische, irische, französisch-akadische oder sonstige Flaggen nationaler Verbundenheit dem jahrhundertealten Patriotismus huldigen.
Hector und Hughie spielen sich indessen durch ihr Liedgut, mittlerweile in den Niederungen menschlicher Erfahrungen angekommen. Sie besingen das misslungene Leben eines ‚rolling stone‘, dessen ebenso angsterfüllte wie nüchterne Einsicht über sein endgültiges Verschwinden, dass die Welt kaum beachtet oder interessiert. Munter, weil es nichts mehr zu hoffen gibt, stampfen sie den Rhythmus der Einsamkeit in den blassgrünen Holzboden.
> Just a rolling stone all alone and lost,
For a life of sin I have paid the cost.
When I pass by, all the people say,
‘Just another guy on the Lost Highway‘.<
Lost Highway – Leon Payne




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