Kanada

Food at its best

September 2017

Es ist Abend geworden in Halifax. Der Abend vor dem Tag, an dem wir unser Auto aus dem Hafen abholen und losfahren wollen. Zu unserer Aufenthaltsdauer in Kanada haben wir an verschiedenen Stellen unterschiedliche Angaben gemacht. Waren das unverbindliche Angaben, fragen wir uns, oder würden sie irgendwann von irgendeiner Behörde ernst genommen und wir damit konfrontiert werden?
„Was machen wir?“
„Na ja, bei der Registrierung haben wir nur 29 Tage angegeben.“
„Aber beim Zoll 60 … Und im Pass steht gar kein Zeitraum … Nur der Einreisetag.“
„Den Systemen scheint’s jedenfalls egal zu sein.“
„Also richten wir uns doch nach dem Klima.“
„Ich denke, Mitte Oktober spätestens sollten wir nach Süden verschwinden.“
„Müssen wir’s denn jetzt schon festlegen?“
„Das hängt davon ab.“
„Wovon hängt’s ab?“
„Der Pianomann hat gesagt, unsere Entscheidungen hängen von Kondensstreifen ab.“
„Und was sagen die Meteorologen?“
Wenn der Indian Summer Anfang September beginnt, sind die Tagestemperaturen angenehm mild, aber die Nächte sind bereits kühl und können auch erste Nachtfröste bringen.
„Und wie geht’s weiter, von Halifax die Küste aufwärts?“
Nova Scotia: Geografisch gesehen ist die Provinz zum grössten Teil von Wasser umgeben, fast inselartig, mit dem Kontinent nur durch eine Landschwelle verbunden. Landschaftlich geprägt durch Laub- und Nadelwälder, rauh und nördlich, Buchten, Sandstrände manchmal, auch steile Küsten, Geröll, Treibholz, Möven, die Kaps mit Leuchttürmen bestückt.
„Also? … Wir …“
„… Fahren erstmal nordwärts solange ohne Fähre möglich …“
„… Und sehen was kommt.“

Nach Norden hin versorgt man sich in immer kleineren Supermärkten. Das Notwendige, wenn auch in begrenzter Auswahl, ist normalerweise verfügbar. Na gut, vernünftiges Brot ausgenommen. Unser beharrliches Fragen nach ‚richtigem‘ Brot wird mit rühriger aber aussichtsloser Hilfsbereitschaft enttäuscht. Immer wieder. Da hilft es auch nicht zu wissen, dass man ‚firm bread‘ für festes Brot sagt und jede Packung unauffällig abzutasten.
Wattescheiben – Soft&White
„Haben sie auch festes Brot?“, fragen wir, nachdem wir die Regale vergeblich abgesucht haben. Der Mann mit der hellblauen Schürze unterbricht seine Arbeit, „Ja, bitte?“, und richtet sich auf.
„Festes Brot … Festes“, wiederholen wir vorsorglich.
„Sicher …“, erwidert er – ausgesprochen gut gelaunt. Er freut sich offenbar, seine Etikettierroutine unterbrechen und helfen zu können, „… Haben wir.“
Wir folgen, in ungläubiger Hoffnung, bereit zur Not auf ein Ritual des guten Willens einzugehen.
„Hier! Unsere enorme Auswahl.“ Er weist auf zahllose Packungen, die müde auf Regalböden lungern und prahlen, erstaunliche Produkte zu sein.
White Wonder
In unzähligen Zwischentönen und Abstufungen von Weich und Weiss.
Seine Hand fährt zuversichtlich darüber, während er uns zufrieden anblickt.
„Ah … Ja … Danke … Aber …“, mit dem imaginären Druck der gewölbten Handflächen, zwischen denen es nicht gelingt, den gewünschten Laib zusammen zu drücken, versuchen wir unsere Vorstellung von ‚richtigem‘ Brot deutlich zu machen, „… Wir suchen …“
„Ich weiss. Dieses ist ein gutes Brot.“
Kann sein, dann ist es eben ein gutes Brot. Aber ‚richtiges‘ Brot ist nicht dabei. Es ist, als hätten wir einen eilfertig bemühten Metzger mit der Frage nach vegetarischen Würstchen herausgefordert. Wir hätten nicht fragen sollen. Und weil wir zögern zuzugreifen beginnt sich seine anfängliche Begeisterung in Ratlosigkeit zu verwandeln:
„Das ist unser Sortiment … Alles was wir haben.“
Wir tun, weil wir seine Anstrengungen und die Stimmung retten wollen, als sähen wir sein ganzes, wunderbares Sortiment zum ersten Mal:
„Grossartig … Vielen Dank für ihre Hilfe.“
Als er um die Ecke biegt beeilen wir uns, aus dem Blickfeld der vergeblichen Beratung zu kommen. Hinaus.
Und jetzt?
Bei der Herfahrt war uns ein Schild aufgefallen:
Farmer’s Market – Haus der Gemeinde und Feuerwehr
Dort verstehen sie bestimmt was von richtigem Brot, auf einem Markt mit dem herben Geruch von Getreide. Von richtigem Brot, wie es Jaroslav Seifert so fabelhaft beschworen hat: Der Geruch des Brotes ist der Duft aller Düfte. Es ist der Urduft unseres irdischen Lebens, der Duft der Harmonie, des Friedens und der Heimat.




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