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Abschiede, lange Strassen

Juli 2017

Keller-Werkstatt-Erinnerungen 2

Einfach und aufwendiger – mit diesen Worten im Sinn greife ich zum Bandschleifer. Gleichmässig fällt der Regen auf das Eternitdach, begleitet vom leisen Gurgeln in der Dachrinne. Schritt für Schritt – ich geniesse die gelöste Konzentration, die bedachte und unaufgeregte Achtsamkeit bei der Arbeit, das gelegentliche Innehalten vor dem nächsten Schritt, umgeben von häufig benutzten Werkzeugen, immer kleiner werdenden Resten der Holzplatten, dem Geruch und den Ablagerungen einer in die Jahre gekommenen Werkstatt.
Aus vergilbten, kleinen, staubbedeckten und spinnwebenüberzogenen Lautsprechern fluten unermüdlich Musik und Informationen. Ein kühler Luftstrom fängt sich in den Spinnfäden. Ich widerstehe der Neigung, zum Besen zu greifen und das fragile Gespinst aus dem Dasein zu fegen. Was war aus dem Geschöpf geworden, das einmal das Netz aufspannte? Und hat es Beute damit gemacht? Ich trete näher, zögernd, aufmerksamer, schliesslich ganz nahe. Hauchdünne Fäden, die ehemals seidig-klebrige Fangvorrichtung war im Laufe der Zeit trocken und spröde geworden. Wieviel Staub die Fäden umlagert und wollig wirken lässt.
„Hast du die Spinnweben gesehen?“, frage ich in den Nebenraum, wo meine Gefährtin die Oberflächen von fertig gestellten Bauteilen mit Öl einlässt. Ich überlege weiter: Sind denn Spinnen nicht über einen eigens angelegten Signalfaden mit ihrem Fangnetz verbunden? Ich bin nicht sicher. Ich stelle mir aber einen Faden vor, mit dem sie, wie der Angler mit der Leine, den Fang erspürt. Eine Flor- oder Eintagsfliege? Ein Falter oder eine Motte? Vielleicht von der Zugluft ins Netz geweht. Die Jägerin bemerkt das Wirbeln und Zerren des Verfangenen, die Auflehnung gegen den feindlichen Willen, hangelt sich hinaus aus einem irgendwo in der Dämmerung hinter den umwobenen Lautsprechern verborgenen Versteck, langbeinig und tastend, findet den allmählich stiller werdenden Beutefang, um ihn zu ergreifen, im Verdauungssaft aufzulösen, zu verzehren. Ergreifen, Auflösen, Verzehren? Für immer verschwunden. Ohne Spuren der Erinnerung. Wenn ich es so betrachte, erscheint es mir banal und faszinierend zugleich – unfassbar gewöhnlich.
Wenig später, meine Gefährtin mochte währenddessen ähnlich sinniert haben – oder vielleicht, sich einfach bloss gestört und aufgefordert fühlen, ihre Arbeit zu unterbrechen, um herüber zu kommen und das Flechtwerk zu bestaunen, höre ich sie von nebenan fragen:
„Ob eine Spinne manchmal auch gerade beschäftigt ist und plötzlich merkt, es geht was ins Netz, und sie dann denkt … ‘Ach, ich mach die Arbeit jetzt erstmal fertig und ess den Fang dann später!‘ … kalt sozusagen?“
„Kalt?“, frage ich irritiert, „… im Ernst?“
Mir fällt es im Augenblick schwer, mit der Vorstellung von kalt gewordenen Insekten etwas anzufangen. Ich wende mich wieder der Arbeit zu. Vor mir steht der Küchenblock – fast fertig. Der Schub für die Kühlbox fehlt noch. Das Fach für die Gasflasche mit mehr Platz diesmal. Ich hoffe, die bauchigere US-Flasche wird rein passen. Meine Information über den genauen Durchmesser ist unsicher. Erst in den letzten Tagen haben sich viele unserer bisher vorläufigen, unfertigen Ideen zur Entscheidung Amerika Aufbruch 2017 verdichtet. Mit dem greifbar gewordenen Aufbruch rücken blosse Möglichkeiten auf einmal in ungeheure, wirkliche Nähe. Wohl auch deshalb bleibt unser Gespräch einsilbig. Gedankensprüngen stumm folgend, nachdenklich, hat jeder für sich, obschon jetzt fest entschieden, eigene Vorstellungen und Kräfte aufs Neue abzuwägen, sich zu vergewissern, dass sie dem Vorhaben noch entsprechen und genügen werden.
Vor uns liegen Nord-, Mittel- und Südamerika, liegen Abschiede, lange Strassen, Kennenlernen, Nachfragen und Zuhören, Einblicke … aber … richtig, das ist nicht alles, mitunter auch Überraschungen, Enttäuschungen, äussere und innere Hürden und Widrigkeiten.
Die genaue Route wollen wir nicht festschreiben, sie wird sich kreuz und quer über den Kontinent ergeben, wie Klima und Aufenthaltsgenehmigungen – mal grosszügigere, mal kleinlichere – es erlauben, und wie neue Ideen aufscheinen und alte verblassen. Aufs Geratewohl? Nicht ganz, aber ich gebe zu, Gründe für spontane Richtungsänderungen gibt es oft, Einigkeit darüber nicht immer. Gelegentlich zeigen unterschiedliche Erwartungen sich dann sehr launisch, von ihrer beharrlichen Seite, unbeugsam – ab und zu sogar bis sie erstarren. Was? Reden soll man? Ja, ich weiss, und ich bin immer wieder erstaunt, es kann manchmal doch ziemlich schwierig werden.
„Ja, nach der Arbeit … kalt geworden eben“, höre ich einige Gedankenlängen später meine Gefährtin aus dem Nebenraum herüber rufen.
„Ah …“, rufe ich zurück, „gute Frage“, ohne den Gedanken weiter zu verfolgen – weiss auch nicht, wie er hätte weitergehen sollen.




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