Losang Rinchen

Rinchen (Teil 1 - deutsch)

February 2013

Im Norden Indiens, an den Ausläufern des Himalaya, liegt Dharamsala. Sein höher gelegener Ortsteil heisst McLeodGanj. 1959 fand hier, mit dem Exilsitz des Dalai Lama, auch der tibetische Buddhismus ein neues Zentrum.
Exil-Tibeter, Tibet-Aktivisten, buddhistische Mönche, Buddhismus-Interessierte und Touristen prägen den kleinen Bergort.
„Dharamsala ist ein absolut einmaliger und eigentümlich magischer Ort. Er ist voller Mönchs- und Nonnenklöster. Es fühlt sich an als seist du in Tibet“, sagt Rinchen.
Anfang Oktober 2011 kamen wir mit Losang Rinchen ins Gespräch. Mehr als einmal änderte sein Lebensweg unversehens die Richtung. Einen Monat vor unserem Treffen war er gerade zum tibetisch-buddhistischen Mönch ordiniert worden und leitete Meditationen an.

Rinchen:
Nun … ich bin Losang Rinchen, ursprünglich aus Hawaii in den Vereinigten Staaten und kam herüber nach Indien, mein erstes mal in Indien. Ich bin hier seit drei Monaten und ehrenamtlich tätig im Tushita Meditation Centre wo ich Meditation zur Einführung in den Buddhismus leite, was ein zehntägiger Intensivkurs ist, und es gefällt mir sehr gut.
Das zu tun ist eine wunderbare Sache. Und in der Lage zu sein, dass Leben von Menschen auf diese Weise zu berühren ist einfach unverzichtbar, es ist toll und ich nehme es sehr ernst. Ich möchte niemanden auf einen falschen Weg führen. Ich möchte einfach nur sicher stellen, dass Menschen eine positive Erfahrung der Meditation machen. Und wie gesagt, ich nehme es sehr ernst. Ich mag alle meine Schüler. Ich möchte einfach nur das Beste für sie.
Es ist sehr eigenartig in so einem fremden Land zu sein, so weit von zu Hause. Ich glaube es hat etwa zwanzig Stunden gedauert, mit dem Flugzeug hierher zu kommen, um die zwanzig. Es ist also sehr weit weg von Hawaii.
Ich kann mit meinen Freunden und meiner Familie in Verbindung bleiben, meistens per Skype. Es ist eine sehr wirtschaftliche Art, aber die Zeitzonen sind so unterschiedlich, dass es schwierig ist, jemanden zu einer angemessenen Zeit zu erreichen.
Mein Name nach der Ordination ist Losang Rinchen. Losang bedeutet ‚freundliche Gesinnung’, was auf eine bestimmte Art zu mir passt würde ich sagen, und Rinchen bedeutet ‚edel’.
So bin ich sehr glücklich mit meinem Namen.
Er wurde mir vom ehrwürdigen Denma Locho Rinpoche gegeben. Er ist ein sehr hoher Lama hier in Dharamsala – McLeodGanj. Ich schätze den Namen den ich bekommen habe. Aber ich darf nicht zu sehr an ihm hängen, weil ich einen anderen Namen bekomme wenn ich meine zweite Ordination erhalte – hoffentlich von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama.

Nicole:
Rinchen, kannst du uns über einige wichtige Stationen deines Lebens erzählen, die dich zum Buddhismus gebracht haben?

Rinchen:
Nun … zum Buddhismus gekommen … Ich kam zum Buddhismus vor genau fünfzehn Jahren. Ich lebte in San Francisco und war zu dieser Zeit gerade sehr desillusioniert über das Leben.
Ich hatte einen guten Beruf. Ich kümmerte mich einzig nur um die Arbeit, aber ich dachte es müsse mehr geben. Nun, ich war sehr desillusioniert mit meinem Leben. Ich verdiente gut, ging jeden Abend aus zum Essen, hatte gutes Geld, usw.
Aber ich sah mich um und sagte mir:
‚Was ist dieses Leben? Ich kann doch nicht nur dafür leben, schön essen zu gehen und an schönen Orten zu leben. Es muss doch mehr geben im Leben.’
Und so begann ich mich umzusehen nach einer Art spirituellem Ort wo ich hingehen könnte und irgendwie fand ich zum tibetischen Buddhismus. Und ich habe es nie bereut. Ich dachte nur, es ist die grossartigste Sache, die es geben kann. Und nach nur einer Unterrichtung war ich schon begeistert und ich beschloss fest dabeizubleiben. Und es gab ein Tse Chen Ling Center für tibetisch-buddhistische Studien in San Francisco, und es ist immer noch da. Es ist jetzt an einem anderen Ort, einer viel schickeren Lage. Ich verliebte mich in diesen Ort, verliebte mich in den tibetischen Buddhismus.
Und du wirst fragen 'Warum nicht Zen oder so was ähnliches?’ Aber tibetischer Buddhismus ist meiner Meinung nach ein ‚gelehrterer’ Buddhismus, vor allem die Gelugpa-Tradition, welcher der Dalai Lama vorsteht. Und deshalb war ich sehr angetan davon, ich meine, die Stiftung zum Erhalt der Mahayana-Tradition und Lama Zopa Rinpoche und seinen Vorgänger Lama Yeshe, er starb in sehr jung, ich glaube 1984, aber bis heute wird er verehrt, als der ursprüngliche Lama des Kopan-Klosters.
Und … was war die Frage noch mal? Die wichtigen Veränderungen in meinem Leben oder so was?

Roland:
Ja, Stationen des Lebens, wichtige Stationen.

Rinchen:
O.K. Also, eine von ihnen war tibetischer Buddhismus. Und dann nahm ich auch Zuflucht beim Buddha, dem Dharma und dem Sangha, welches der historische Buddha ist. Die Dharmas sind die Lehren des Buddha und Sangha ist die spirituelle Gemeinschaft von Praktizierenden.
Also nahm ich vor vierzehn Jahren Zuflucht bei der ehrwürdigen Robina Courtin, die im November kommt. Ich freue mich sehr darüber, dass sie im November nach McLeodGanj ins Tushita Meditation Center kommt, um zu lehren. Und ich werde hoffentlich in der Lage sein, ihr zu helfen – was immer sie braucht, und ich bin gespannt darauf.
Das war eine der grossen Stationen.
Etwas Tragisches passierte als meine Mutter einen Schlaganfall hatte. Das ist eine Weile her, vielleicht acht Jahre. Das war so ein bedeutender Augenblick in meinem Leben. Ich verlor den Boden, wurde sehr deprimiert.
Und dann war mein Halt im Buddhismus nicht da, um mir ausreichend zu helfen. Mein Lehrer war nicht bei guter Gesundheit. Ich lebte zu dieser Zeit in Hawaii und mein Sangha war in San Francisco, alle meine unterstützenden Freunde.
Also zerfiel alles und da wurde ich ein Christ. Ich hatte keine Stelle wo ich mich hinwenden konnte. Und ein Freund von mir lud mich ein in die Kirche. Und so wurde ich dann Christ.
Ich weiss nicht – das Leben ändert sich halt manchmal.
Wie auch immer. Und dann ging ich in ein theologisches Seminar, um Reverend zu werden, ein Pastor. So lief das also. Und während meiner höheren Ausbildung, auf halbem Weg, hatte ich eine Vision, die mir sagte, zum Buddhismus zurückzukehren.
Also – hier bin ich.
Du musst deiner Bestimmung folgen … und mich ruft der Buddhismus. Und wie vorgehabt wollte ich einfach nur ordiniert werden, ich wollte die Schule abschliessen. Also brachte ich es zu Ende. Ich wurde noch ordiniert und dann dachte ich daran auf den buddhistischen Pfad zurückzukehren.
Hier bin ich also, ich bin ordinierter Buddhist, ich bin noch ordinierter Reverend und ich mache von hier aus weiter.

Nicole:
Und warum bist du Mönch geworden? Du könntest Laienbuddhist bleiben. Was ist der Hauptgrund dafür, ein richtiger Mönch zu werden, was ja auch eine Menge Einschränkungen bedeutet?

Rinchen:
Einschränkungen als Mönch?
Als meine Mutter starb und ich nicht spürte, irgendwelche grossen Verpflichtungen in Hawaii zu haben, dachte ich einfach nur, dass es der richtige Zeitpunkt wäre. Es kam einfach zu mir. Es war nicht so als ob ich dies seit vielen Jahren geplant hätte. Tatsächlich gehört auch dazu, dass ich schon im Jahr 2000 plante, buddhistischer Mönch zu werden. Und meine Mutter wollte das nicht. Sie sagte ‚Du gehst nach Indien und ich werde dich nie wieder sehen’. Jetzt bin ich hier in Indien, nachdem meine Mutter gestorben ist. So muss ich nicht länger Rücksicht nehmen auf äussere Einschränkungen, ich konnte gehen, ich konnte Mönch werden, und so tat ich es.
Der Antrieb war, dass ich hier in Tushita Meditationsleiter sein wollte. Da dachte ich, dass ich ordinierter Meditationsleiter sein will, um es formaler zu sein. Und alles hat sich ergeben.

Nicole:
Wie genau wurdest du Mönch? Was waren die Rituale?

Rinchen:
Nun, das ist eine gute Frage. Meine Lehrerin, die ehrwürdige Robina, sie schlug vor, ich meine ich sagte ihr, ich würde gerne Mönch werden.
Sie sagte ‚Sehr gut, sehr vielversprechend’ und ‚Gut für dich’ und so gab sie mir die Erlaubnis, Mönch zu werden.
Und sie sagte ‚Wenn du nach Dharamsala gehst, hilf ihnen für dich eine Vorsprache beim ehrwürdigen Denma Locho Rinpoche zu vereinbaren. Er ist einer von Lama Zopa’s Lehrern und sieh ob er dich ordiniert'.
Ich sagte, ich wolle nur wegen des Rabjung hingehen, was die ersten Gelübde für Novizen sind. Und innerhalb von ein paar Tagen vereinbarte jemand, der für Tushita arbeitet einen Termin mit dem Übersetzer und mir, um den ehrwürdigen Denma Locho Rinpoche zu treffen.
Und so traf ich mich mit ihm und fragte mit der Unterstützung des Übersetzers, ob er bereit wäre, mir die Gelübde der Rabjung-Ordination zu geben und er sagte 'Gewiss'.
Er sagte, ‚Nun, ich kann dir nur die mittleren Rabjung-Gelübde geben, welche nicht die vollständigen Gelübde sind, weil du zwei weitere Mönche benötigst, die geschult sind, die Fragen zu stellen' und … ich weiss nicht mehr.
Er sagte also, ‚Ich könnte dir die mittleren Gelübde geben'.
Also sagte ich ‚Hervorragend’.
Er sagte ‚Komm wieder in einer Woche von heute an, gleiche Zeit drei Uhr nachmittags, und habe deine Roben an und deinen Kopf rasiert, ausser ein kleines bisschen Haar’, die er abzuschneiden hatte.
Ich sagte ‚O.K., danke'.
Ich war mit meiner Bekannten unterwegs zu dem Zeitpunkt, und sie führte mich zu einer Stelle wo man Roben und so bekommt. Ich bekam fast alles. Ich hatte einige spezielle Sachen zu bestellen aber fast alles bekam ich an diesem Tag. Und ich hatte einen anderen Freund, einen befreundeten Mönch, einen tibetischen Mönch, der meinen Kopf bis auf das kleine Büschel rasierte.
Und ich kam eine Woche später wieder und bekam meine Ordination, die Berechtigung zum Tragen der Roben, die Berechtigung zum Lehren und einige andere Verpflichtungen, mit denen ich arbeiten kann … an denen ich noch arbeite, die ich aber noch nicht vollständig nutze.
Und das war’s, wie ich ordiniert wurde.
So kam ich über meine Lehrerin zu diesem hohen Lama. Der hohe Lama ordinierte mich und hier bin ich heute.

Nicole:
Wir sahen heute Vormittag eine Initiation mit dem Dalai Lama, etwas mit Wasser.
Musstest du sie auch mitmachen?

Rinchen:
Ich musste nicht noch einmal Zuflucht nehmen, da ich es bereits getan hatte. Und wenn man keine Zuflucht genommen hat, muss man es tun, um die Initiation zu erhalten. Oder du machst es nicht deshalb sondern nimmst es einfach als einen Segen. So … aber ich hatte es bereits getan.
Also habe ich das nicht gemacht, aber ich habe die Bodhisattva-Gelübde noch einmal abgelegt, weil du es immer tun kannst, um ihre Kraft zu verstärken. Und ich habe die Tantra-Gelübde abgelegt, was wirklich grossartig ist, es ist wunderbar. Jetzt habe ich eine weitere Übung zu erfüllen. Jedes mal wenn du eine weitere Initiation bekommst, hast du mehr Übungen zu machen. Also gibt es weitere Übungen, nur zwei Seiten. Es ist grossartig. Es war eine wunderbare Initiation. Und meine erste … oh – nicht meine erste … meine erste mit Verpflichtungen, die mit Seiner Heiligkeit zu tun haben.

Nicole:
Soweit ich weiss gibt es vier verschiedene Schulen im Buddhismus…

Rinchen:
… im tibetischen Buddhismus …

Nicole:
… im tibetischen Buddhismus. Kannst du uns erzählen, welcher Schule du angehörst?

Rinchen:
O.K., es gibt Sakya, Nyingma, Kagyü and Gelugpa.
Ich gehöre zur Gelugpa, die auch die Schule Seiner Heiligkeit ist.

Nicole:
Und gibt es einen bestimmten Grund, weshalb du gerade diese Schule gewählt hast?

Rinchen:
Oh, zuerst stolperte ich einfach darüber. Ich ging zu Tse Chen Ling in San Francisco, und sie sind Gelugpa. Also stolperte ich einfach darüber und erst dann fing ich an, sie zu mögen, weil sie gelehrter war und ich sehr fleissig bin, ich studiere gerne. Also wählte ich Gelugpa – oder sie mich.

Roland:
Hängt von beiden Seiten ab…

Rinchen:
… Ja!

Ende 1. Teil




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