Indien

Gottes eigenes Hinterland

January 2012

Und? Was hat gewartet?
Hinter der nächsten Biegung?
Wie gesagt: Vielversprechend und verlockend verlieren sich die Seitenarme im Grün. Lautlos trägt uns unser Schlauchkanadier hinein.
Einen Brahminen-Milan überrascht unser Einbiegen. Hastig richtet er sich auf. Rostrot, in noblen Abstufungen, weiß gefiedert der Kopf und die Brust. Spitz der Blick. Spähend. Habichtartig.
Namentlich gehört er der obersten Kaste der hiesigen Vogelwelt an.
Respekt.
Er beobachtet das Boot einen Moment lang, dann, wenn auch ein wenig übereilt, steigt er würdevoll auf, nicht ohne ein harsches Piiiäää über die Schnabelkanten zu bringen. Wenig später kreist er über dem Sirren der Palmwedel, den grünglitzernden Wasserflächen und dem Rest seiner Mitvögel. Für unsere Art der niedrigen Fortbewegung auf dem Wasser scheint er nicht viel übrig zu haben.
Brahmaneneitelkeiten eben.

Beim Kormoran liegen die Dinge anders. Seinen Fischerwerb bestreitet er, wie er in seiner Kaste seit jeher zu bestreiten war – als Fischer und Taucher. Mit seinem Hakenschnabel-Schnabelhaken greift er die Unterwasserbeute blitzschnell hinter den Kiemen. Vom häufigen Abtauchen ständig durchnässt, kommt er meist wie abgerissen daher, zerlumpt wie die Vogelscheuche zum Trocknen im Wind. Sein Gesicht so schwarz wie die Ruderfüsse, düster die gesamte Erscheinung, schlicht, unscheinbar, zweckdienlich. Einer dem Alltagstauglichkeit mehr gilt als Würde und respektgebietendes Auftreten.
Wie ein Schatten unter Wasser.
Schnell trocken in der Sonne.
Im Wind.
Auf der Pfahlspitze.
Und erinnert daran, dunkel hat kein Ansehen. Schlimmer noch, dunkel wird als Merkmal der Minderwertigkeit empfunden. Wer hell ist gilt mehr, offenbaren die Heiratsanzeigen auf der Suche nach hellhäutigen Damen, die Reklametafeln an den Strassenrändern und die begehrten Weissmacher aus der Tube:

… Heller!
… Hinreissend schön. Sinnlich und anziehend.
Das bist Du!
… Dein Leben erhält eine neue Bedeutung.
… Erfahre es. Fühle es. Lebe es.

Varna, Farbe, ist das Hindiwort für Kaste.
Will man der Botschaft der Werbung folgen, gehört der dunkle Kormoran im althergebrachten Gefüge der indischen Gefiedergesellschaft zu den Tagelöhnern am unteren Ende – in einen Kastenkäfig für die Hakenschnabeligen, so alt wie die Herrschaft der Helleren und hockt da wie ein fleissiges Bündel Gleichgültigkeit.
Unser solidarisches Mitgefühl scheint den Kormoran jedoch nicht sonderlich zu interessieren. Unwillig flattert er von Pfosten zu Pfosten sobald wir uns nähern:
Chro-o-Chro-o-Chro-o

Wem es gelingt – durch vorteilhafte Wiedergeburt zum Beispiel – mit einem bewundernswerten Aussehen ausgestattet zu werden, ist besser dran.
Leise heben wir unsere Paddel aus dem Wasser und lassen das Kanu vorsichtig näher gleiten. Durch die schräg stehenden Palmen jagt ein Schatten. Ein Kingfisher ist hinter den Insekten her. Der Kingfisher ist ein Eisvogel. Der beliebteste von allen. Farbenprächtig und voller Exotik.
Das hat mit Karma zu tun. Sein Vorteil aus angesammelten Verdiensten seiner vorigen Leben. Sein Aussehen hat ihm Ansehen verliehen. Und Aufmerksamkeit. Leichtigkeit und Lebensfreude hat man für brauchbar befunden, dem Geschäftserfolg zu dienen:
„KINGFISHER – THE KING OF GOOD TIMES“
Um in der fabelhaften Welt von Brahminen-Milan und Tagelöhner-Kormoran zu bleiben: Mit seinem eisblauen Gefieder hat der Kingfisher einen Weg gefunden, seine Erscheinung zu Geld und sich unabhängig zu machen – den abgenutzten Zwängen des Kastensystems zu entkommen.
Manche verfolgen das mit Argwohn.
Sie spotten, aus Kastenstatus würde Klassenstatus, aus Kasten-Brahmanen würden Geld-Brahmanen. Entrüstet hört man den Chor rufen:
Piiiäää-Chro-o-Chro-o
Sie bejammern die Veruntreuung der eigenen Herkunft … die Aufgabe des kulturellen Heimatgefühls.
Piiiäää-Chro-o-Chro-o
“Bewährte Strukturen … Rückhalt und wunderbare Einbettung in eine helfende Gemeinschaft.”
Piiiäää-Chro-o-Chro-o
“Unverzichtbar, das war schon immer so.”
Mag sein.
Der Kingfisher hat das Kastendasein aufgegeben. Mit der Unabhängigkeit schert er sich nicht mehr drum. Er pfeift auf die Tradition:
Tiii-tiii-tiii

Im Laufe der Tage und Touren werden wir vertraut mit dem weitverzweigten Wassernetz, sich gabelnden Kanälen, Halbinseln, Buchten, Landspitzen, Seitenarmen, Seiten-Seitenarmen und Sackgassen.
Wir begegnen Tempelsängern, deren trichterförmige Megaphone, an Palmen befestigt, mächtige Mantras in die tropische Vegetation scheppern … syrisch-orthodoxen Christen, kreuzschlagend – vom Niederen zum Himmlischen, von der Sünde zum Licht … südindischen Kommunisten-Marxisten, revolutionäres Rot in tropischem Grün, Papaya und Mango, Hammer und Sichel … braungesichtigen Fischern mit weissen Zähnen, die unser Tun beobachten und mögliche Vorteile eines Gummikanus abwägen … Babu, der die Hände auf das betonierte Geländer gestützt, zusieht wie wir am sandigen Ufer unterhalb der Brücke anlegen.
Der Kaufmann Babu in seinem abgewetzten Hüfttuch, ohne Hemd, ein Tikka Sandelholzpaste auf der Stirn. Er freut sich, daß wir unsere Vorräte aufstocken wollen. Geduldig wartet ein kleines Sortiment in seinen staubigen Regalen auf etwaige Nachfrage: Milchpulver, ayurvedische Zahnpaste, alte Kekse, Mahatma-Dochte für den religiösen Bedarf, doppelt gefiltertes Kokosnussöl aus der regierungseigenen Fabrik und eine klebrige Flasche Traubensaft, mit kostbarem Etikett geschmückt, als sei ein edler Jahrgang dahinter verborgen.
Wir kaufen sie.
Im knöcheltiefen Wasser schaukeln wir das Boot frei, stossen uns ab, einer kaum spürbaren Strömung entgegen, von Koordinaten geleitet: Karuthrakkada N 08°59'950’’ E 76°37'010’’.

Schadi – Soap – mit dem Rücken an eine Palme gelehnt, den Rauch einer dünn gewickelten Beedi inhalierend, erwartet unsere Rückkehr. Gespannt:
„Man sagt, jemand hat Euch am Ashtamudi-Lake gesehen, wie habt Ihr hingefunden?“
Er hat ein paar Fragen an uns – und wir beantworten sie geduldig. Ja, waren wir. Ja sicher, wieso nicht? Doch, das geht. Klar doch. Bis wir das Gefühl bekommen, wir haben genug beantwortet. Für heute zumindest.
Später, Soap und die abendlichen Moskitos haben sich mit der Dämmerung verabschiedet, sitzen wir sehr zufrieden am Ufer des Kallada. Es ist einer der Momente, die das Leben bereithält, wenn der Tag gut war, uns unsere Wohlfühlhormone die Welt großartig und schön erscheinen lassen und wir uns an eine klebrige Flasche mit kostbarem Etikett erinnern.
Wir halten uns die Gläser zum Anstossen hin.
Auf das Reisen mit eigenem Auto und eigenem Boot, auf die Gemeinschaft jenseits eingekasteter Lebensweisen und auf die Momente, in denen man die Ruhe hört und der Blick in die Unendlichkeit wieder einmal die Frage des nächtlichen Himmels stellt:
„Welcher Stern ist denn der helle da?“, und das Universum wie üblich die Antwort gibt:
„Stern? Nee, nur ein Satellit!“
„Woher weißt Du das?“
„…!“

Zum Wohl … auf Gottes eigenes Hinterland!




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